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Artikel von December, 2006

das Genie des Musikvideoregisseurs :: Michel Gondry und der Rubriks Cube

von David Schubert. Lust auf mehr? Schauen Sie in die Kategorien über Video/Animation, alle Posts, über Kunst, Michel Gondry, Bewegtes, Videokunst

Jaja, wir hatten schon so die Idee, das Gondry clever ist. Vielleicht sogar genial. Aber das hier hat uns jetzt schon überrascht.

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Raben, Wüste und ein neues Image :: Madonna - Frozen (R: Chris Cunningham)

von David Schubert. Lust auf mehr? Schauen Sie in die Kategorien beste Posts, Chris Cunningham, alle Posts, Natur, Raum, Farbe, Bewegtes, Assoziatives-Surreales, Videokunst

You only see what your eyes want to see
How can life be what you want it to be
You´re frozen
When your heart´s not open.

Es war in der Wüste. Madonna hatte Chris Cunningham engagiert, einen weltbekannten Musikvideoregisseur. Und sie wollte etwas Pures, Warmes. Das ganze Set reist in die Wüste und erst dort wird klar: Das Wetter macht nicht mit. Das Licht ist anders als erwartet. Das Video kann nicht so werden, wie geplant. Vor Ort bittet Cunningham um freie Hand und Madonna gewährt. Das Ergebnis findet Cunningham gut, aber Madonna lehnt eine Veröffentlichung ab. Das sei nicht ihr Image, das sei nicht sie, das passe nicht zur ihr. Das ganze Video sei ein Reinfall gewesen. Nur mit viel Geduld kann sie überredet werden, den Clip doch noch freizugeben.

Natürlich ist die Pointe: Der Film schlägt ein wie eine Bombe. Er verhilft Madonna zum neuen Image, ihre CD Verkäufe explodieren, das Video wird Clip des Jahres bei MTV - das ist eine der wichtigsten Auszeichnungen der Szene. Im Nachhinein halten viele das Video für das gelungendste, was Madonna je hat produzieren lassen.

Das Video ist düster, mystisch, arbeitet kaum mit Farben, fokussiert sich auf Schatten von schwarz und ocker. Schwarze Tücher schleichen von allein durch Wüstensand, schwarze Vögel erheben sich in die dunkle Luft, ein schwarzer Hund rennt auf brüchigem Boden, Wolken rasen über den Himmel und tauchen im Zeitraffer den Tag in das Schwarz der Nacht. Das ist Cunningham in einer ungewohnt poetischen Weise und für Madonna wirklich neues Terrain. Den ganze Clip hält eine tiefe, düsterblaue Ruhe zusammen, die der schwarzgewandeten Protagonistin Madonna eine morbide Mystik gibt. Ein Video auf dem Grad zwischen sinnlich-dunkler Ästhetik und surrealen Traumbildern, die der Härte von Wüstenboden und Schwarztönen eine Weichheit geben, welche Cunningham selten erreicht. Aus dieser Spannung zieht der Clip seine ästhetische Qualität.

(Musikvideosuche rechts oben)

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ein alter Mann geht ab :: Fatboy Slim - Weapon of Choice (R: Spike Jonze)

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Eins der bekanntesten Musikvideos von Spike Jonze: Ein älterer Mann sitzt im Sessel eines ehrwürdigen Hotels, steht unvermittelt auf - und fängt an völlig durchgedreht durch die Gänge und Hallen des Hotels zu tanzen. Der Tänzer ist übrigens Hollywoodstar Christopher Walken. Viel mehr ist nicht zu sagen: Äußerst cool.

(Musikvideosuche rechts oben)

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von den Grenzen visueller Wirklichkeit :: eine Adidas Werbung von Spike Jonze

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Ein Mann steht auf und alles ist schwarz - so lange er es nicht berührt. Mit seiner Präsenz schafft er Wirklichkeit, dort wo er grade ist. Und seine Fantasie setzt die Grenzen.

Eine grandios surreale Bildwelt in eineinhalb Minuten. Anschauen.

(Videosuche rechts oben: Suche nach jonze adidas)

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ein Hochausorganismus :: Massive Attack - Protection (R: Michel Gondry)

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Eines von Gondrys guten One-Shot-Videos. Ohne einen einzigen Schnitt wird die Geschichte eines Hochhauses erzählt.

(Videosuche rechts oben)

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visueller Meilenstein für das Wesen des Moments :: The Rolling Stones - Like a Rolling Stone (R: Michel Gondry)

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Es war so etwas wie der Ritterschlag, meint der Regisseur, als die Rolling Stones auf ihn zukamen, um ihn um ein Video zu bitten. Dabei war Michel Gondry seit Björk ihn als Unbekannten zu einem Video verpflichtete - sie hatte seine Arbeiten für seine eigene Band Oui Oui gesehen - bereits eine Legende der Musikvideokunst. Für die Stones jedenfalls hat er sich wieder etwas neues einfallen lassen: Eine technische Spielerei zwischen Still und Film. Die Bilder frieren ein, während die Kamera weiterfährt oder schieben sich wie betrunken ineinander. Die Techik hat Gondry erfunden und - so sagt er - die Band war zufrieden.
Für den Zuschauer kommt neben dem technischen Aha einiges rüber: Gondry hat wieder mal einen Film über das Wesen der Zeit gemacht. Einen wirklich guten.

(Videosuche rechts oben)

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die überwältigende Künstlichkeit de Natur :: Björk - Joga (R: Michel Gondry)

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Joga von Björk: Im tiefsten Sinne ein Naturvideo. Aber Moment: Die Kamera zuckt im Rhythmus des Songs, Irrwitzige Luftaufnahmen rasen mit dem Wirbel des Schlagzeugs, Steine bewegen und Berge spalten sich auf den Gesang von Björk. Wir sehen hier den zweiten Teil von Gondrys Auseinandersetzung mit der Natur: Der erste hieß “Star Guitar” und kam von den Chemical Brothers (s. Besprechung bei bittekunst.de). Gondrys Natur ist nicht gewachsen, sondern programmiert. Er öffnet den Diskurs für ein neues Naturverständnis, indem die Natur gleichermaßen perfekter und lebloser ist. Und wenn Björk, auf einem Berg stehend, ihr Herz öffnet, in das die völlig losgelöste Kamera hereinfahren kann, um auf neue digitale Natur zu treffen, dann scheint das ganze Video ein großes Bild über das eine Thema zu sein: Den Yoga-Weg zurück zum Unangetasteten - der in der postmoderne nur ins Digitale hinein denkbar scheint.

(Videosuche rechts oben)

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Post-It´s, Lego und Filzwelten :: Meilensteine der Stop Motion Videos

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Stop Motion ist bekannt. Ja? Diese Technik, bei der ein Bild aufgenommen wird, ein bißchen verändert, nochmal aufgenommen - und wenn man das zwanzig Mal macht hat man eine Sekunde Video. Normalerweise macht man das mit Knete. Hier ein paar Variationen, die zum Kult geworden sind:

Der Trendsetter: Stop Motion mit Post-Its
Gut, nicht wirklich ein wichtiger Film, aber eine clevere Idee zum Anfang: Post-Its an Spiegeln befestigt.
(Videosuche rechts oben: Suche nach paterlizzi post it)

Der Klassiker: Michel Gondrys Stop-Motion-Video mit Lego
Legendär gut: Gondrys Meisterwerk aus Legosteinen für The White Stripes (”fell in love with a girl”). Er hat nichts geklebt, hat er mal im Interview zu Protokoll gegeben. Und Lego selbst hat einen Artikel über seine Aktion geschrieben, den man hier nachlesen kann.
(Videosuche rechts oben: Suche nach white stripes fell in love)

Das Durchgeknallte: Michel Gondrys Walkie Talkie Man für Steriogram
Ein gelungener Mix aus echten Aufnahmen und Stop-Motion Fragmenten mit Knete, Fäden und gestricken Puppen: Gondrys Video für Steriograms Hit “Walkie Talkie man”. Sehr verrückt und sehenswert.
(Videosuche rechts oben: Suche nach elite beat agents walkie talkie man)

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Droogs, Style und die Kraft der reinen Farbe :: Blur - The universal (R: Jonathan Glazer)

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(Videosuche rechts oben)

Dass Jonathan Glazer ein Fan von Stanley Kubrick ist, hat er schon mit dem Video für Massive Attack (Karmacoma) bewiesen. Jetzt geht es um Alex und seine Droogs, genauer: Uhrwerk Orange. Die Szenerie aus dem Kultfilm hat Glazer stellenweise genau kopiert, aber einen wesentlichen Aspekt ergänzt: Die Farben. Hatte Kubrick sein Akteure schon eher weiß gekleidet (D&G brachte Jahrzehnte später eine Modeserie in diesem Stil heraus), nimmt Glazer die Farbe als formendes Element und baut alles darauf aus: Die Musiker sind ganz in weiß getaucht, ebenso die Golfball-orientierten Riesenboxen, das Publikum ist schwarz, zwischendurch ein Roter:

How long have you been a red man
About fifteen years.

Die Farben sind die universale Chiffre im Lied The Universal, nur sind sie kontraintuitiv konnotiert: Schwarz ist nicht beherrscht, sondern schrankenlos und weiß ist nicht heilig, sondern infiltrierend diabolisch. Die Musiker sind es - wie in Kubricks Clockwork Orange die Droogs - die Gewalt und Leben in die Welt bringen.Und auf eine andere Art auch: Erhabene Ästheten in einer zugrundegerichteten Welt.

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die visuelle Transzendierung von Zeit und Raum :: Cibo Matto - Sugar Water (R: Michel Gondry)

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Das Video kommt ziemlich seltsam daher: geteilter Bildschirm, zwei verschiedene Geschichten, die beide ziemlich schlecht konstruiert aussehen. Kaum Bilddynamik. Michel Gondry selbst hat Sugar Water einmal als sein aufwändigstes und bestes Video bezeichnet. Was soll das?

Wenn man genau hinschaut, fällt Einiges auf: Es gibt keinen Schnitt, das ganze Video ist ein sogenannter One-Shot. Ja, nicht “beide Videos”. Denn das linke und das rechte Video sind identisch - das eine läuft vorwärts und das andere rückwärts. Sie erzählen die Parallelität einer Geschichte, die jenseits von Zeit geschieht: In allen Einzelbildern korrespondieren die Handlungen. Immer wieder greifen Sie ineinander ein - als Erinnerung: die Katze, die Schriftzeichen. Das eine Video ist so perfekt choreographiert, dass es den Eindruck erweckt, zwei Geschichten zu erzählen, mehr noch: Eine stetig verbundene Geschichte an zwei Orten.
Was Gondry hier vorführt kann gelesen werden als Symbol für die Konvergenz von Zeit und Raum: Der vermeintlich zweigeteilte Raum entpuppt sich als zeitliches Konstrukt. Die Zeit selbst scheint aufgehoben, wo der rückwärtslaufende Film mit dem vorwärtslaufenden Film interagiert. Ja, beide Dimensionen scheinen sich selbst aufzulösen, denn beides - die parallele Zeit und der parallele Raum sind Illusionen eines einzigen Bandes, einer einzigen, linearen Kamera, die sich äußerst geschickt rückverbindet zum ersten Raum und zum Ende der Zeit.

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