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Artikel von February, 2007

Zwischen den Zeichen :: Madonnas “Confessions Tour” (R: Jonas Åkerlund)

von Alexander Kroll. Lust auf mehr? Schauen Sie in die Kategorien Tanz, selbstreferentiell, alle Posts, Audiokunst und Klang, beste Posts, Bewegtes, andere Musikvideoregisseure, Videokunst

Man mag es kaum glauben, aber Madonna, die Pop-Heilige, ist zur Veröffentlichung ihres letzten Studioalbums „Confessions on a Dancefloor“ im kleinen Londoner Club „Koko“ aufgetreten. Dort hatte sie einst mit „Holiday“ ihre Karriere begonnen und die rohe Realität liegt längst zurück. Madonnas kurze Rückkehr auf die Club-Bühne ist als solche nur eine symbolische Geste in einer Karriere, die sich bilderbuchmäßig über Symbole erstellt hat. Niemand will Madonna in Wirklichkeit beim Soundcheck sehen, sondern über ein Spektakel staunen, das allenfalls mit dem Show-Bombast von Michael Jackson, Richard Wagner oder dem Theater des Barock vergleichbar ist. Entsprechend wurde das Konzert, das jetzt auf der DVD/CD-Edition „The Confessions Tour“ zu sehen ist, nicht im „Koko“ aufgezeichnet sondern in der „Wembley Arena“.

Es gibt, wie immer, alles zu sehen. Madonnas Repertoire ist perfekt, bringt die letzten zwanzig Jahre Popkultur auf die Bühne und integriert über Labels für Liebe und Lebensgefühle alle neuen Trends von Breakdance bis zur Netzkunst. Jeder Song ist ein greller Slogan, der die moderne Welt zelebriert. „Forbidden Love“ stellt Davidstern und Halbmond auf den Oberkörpern von Tänzern gegenüber bis Madonna als einendes Zeichen zwischen die Tänzer tritt. Sie streckt die Hand aus und ein Adler aus der Videowand scheint auf ihrer Hand zu landen. Bei „Live to tell“ verbinden sich Kirchenglocken und Internet-Adressen im abendländischen Symbol schlechthin, dem Kreuz, das hier nicht Gottes Sohn, sondern seine Tochter Madonna trägt. „I have a tale to tell“ singt die Gekreuzigte und ist damit Erzählerin und Erzählung zugleich. Madonnas Geschichte erzählen dann die Leinwände im Intro zu „Music Inferno“. Das Thema ist Disko, Madonna ist Disko. Gekrönt im „Dancing Queen“-Umhang muss Madonna nur frühere Shows variieren, um selbst schwache Songs des neuen Albums mit Wucht wegzufegen. Trotzdem hat das Konzert ein Selbstverständnis, das nicht zynisch, sondern zuvorkommend ist. „Erotica“ ist nur noch ein Nahtanz im Badeanzug, „Like a virgin“ ein verspielter Ritt an der Stange. Skandale waren gestern. Selbst Madonna trinkt Wasser und prostet den Zuschauern zu. „Cheers“ ist die wahrste aller Universalgesten.

(Videosuche rechts oben)

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eine Ahnung vom wahren Leben :: das Zeitalter der Lachanfälle

von David Schubert. Lust auf mehr? Schauen Sie in die Kategorien Youtube und Co, alle Posts, selbstreferentiell, Authentizität, Soziales, Bewegtes, Videokunst

Populärsachbücher reden manchmal von der Best-Of-Gesellschaft. Wenn es sie gibt, sind Youtube und Co zwei ihrer wichtigsten Brutstätten. Es geht um Fragmente, die einmal geliefert, das Interesse am Ganzen verebben lassen. Es fängt an bei den Sportschauschauern, die sich mit den Torsequenzen die anderhalbstunden Fussballübertragung sparen. Im Netz geht es weiter. Über Noah, der den Zuschauern sechs Jahre seines Lebens in sechs Minuten zumutet wurde schon geredet. Wir erden uns. Weg von der Kunst. Hin zu den Alltagsvideos. Lachanfälle. Bitteschön.

Prominente Lachanfälle werden im Internet unsterblich, bleiben wie der Dagmar Berghoff-Versprecher, die Stilblüten von Präsident Bush oder der Wetterberichtversprecher auf Jahre verbunden mit der Netzidentität der Person. Besonders spannend ist hier das Dilemma des Erik Hartmann, einen holländischen Showmaster, der in seiner Sendung Boomerang einen solchen Lachanfall wegen der erkrankten Stimme eines Gastes bekam, dass er die Sendung danach abgeben musste. Das Video dazu gehört zu den großen Lachern des Internet und ist tausendfach kommentiert worden. Aber der Schein trügt: Das Stück ist entgegen der Meinung der meisten Zuschauer nicht reales Fernsehen, sondern seinerseits intentionale Comedy. Der Clip ist ein Sketch der belgischen Komiker in de gloria. Und die best-of-Mentalität von YouTube und Konsorten ist die perfekte Tarnung eines Sketchs, denn die realen Filme unterscheiden sich durch nichts von dem Kaberettstück. Die Parodie legt die Fragmenthaftigkeit bloss, die hinter dem alles-ist-online-credo der Videobörsen steht. Aber es wird auch klar, das man eigentlich nichts mehr wissen kann. Das dekontextualisierte Medien zwar noch Fragmente sind, aber nicht mehr verbunden und damit eigentlich schon wieder das Ganze. Die gezielte Produktion eines Fragments ist usus oder der Verlust des Werks im Kopierprozess erwartbar. Die Macher des Videos sind mittlerweile weltweit bekannt und waren zu Gast bei Late-Night-Legende Jay Leno. Nur hatte auch seine Redaktion nicht sauber recherchiert und nicht verstanden, dass es sich bei dem Clip um eine Satire handelt. So schwappt das Pseudofragment zurück in die alten Medien und es entsteht Kunst aus Versehen.
Ein Postskriptum zum Thema Lachanfälle: Ein zum Weltstar avancierten Baby verdankt seinen Ruhm nur der Tatsache, dass es sich drei Minuten kaputtlacht. Ganz systemunkritisch und unfragmentiert.

// mehr Versprecher

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