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Artikel von April, 2007

Schnecken, Schriften, Erektionen :: ein Chaosfilm von Petra Mrzyk und Jean-François Moricea

von David Schubert. Lust auf mehr? Schauen Sie in die Kategorien Narration, Verweise auf Kunst, Verweise auf Typographie, Raum, alle Posts, beste Posts, Assoziatives-Surreales, andere Musikvideoregisseure, Form, Farbe, digitale Welten, Animation, Bewegtes, Soziales, Videokunst

Ein Flug durchs Weltall, an Millionen schwereloser Schnecken vorbei. Und kontrastrierend eingeblendet: eine der verdrehtesten und genialsten Typographieanimationen, die man in gegenwärtiger Musikvideokunst findet. Ja, excuse moi von Petra Mrzyk und Jean-François Moricea ist ein wirklich besonderes Video. Über das Thema des Liedes informiert sich am besten jeder selbst, aber die Ästhetik soll hier kurz aufgegriffen werden: Mrzyk und Moricea bauen aus rund 5000 typographischen Einzelarbeiten von Philippe Katerine eine Homage an die Schrift, die sich gewaschen hat. Selten so gut und kreativ animierte Typographie gesehen. Selten so fluide Typen, so passend zum Charakter der Musik, so ganz eigenständig und irgendwo zwischen High-Tech und handgemacht. Das visuelle Karussell wird begleitet von einer Musik zwischen richtig schlechtem Techno und Teenie-Pop. Und zwischen der eigentlich geschmacklosen Musik, einige tausend Schnecken, Raumschiff Enterprise und bonbonbunten Schriftgemälden findet sich wohl irgendwo die Wahrheit dieses Liedes. Vielleicht diese: Es gibt sie nicht. In einer imaginierten Welt, in der jedes Element Retorte ist und seinerseits soviel Raum im Ganzen beansprucht, dass das so geschaffene Universum nur deshalb nicht in seine Einzelteile zerberstet, weil sie die jeweils dominanten Elemente gegenseitig wegdrängen und damit im Bild stabilisieren. Es entsteht ein zusammenhangloses Bild der Ungetüme, eine Komposition der Größe im Trash, ein Werk inmitten von Pop, Porno und Videokunst. Und in diesem egozentrischen Assoziationsgewitter, so klingt es, ist es eigentlich egal, worauf man sich bezieht. Und genau darin liegt wieder eine künstlerische Wahrheit. Vielleicht eine, die näher an der Gegenwart liegt, als irgendeine sonst.

[Petra Mrzyk, Jean-François Moricea, Typographie, Animation, digital art, Medienkunst, Chaos, Schnecken, Erektion[/tags]

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die Rache der Datenschützer :: das virtuelle Selbst wird professionell

von David Schubert. Lust auf mehr? Schauen Sie in die Kategorien Interaktives, inspirierte Produkte, selbstreferentiell, alle Posts, Künstliche Intelligenz, interaktive Netzkunst, Soziales, beste Posts, Authentizität, digitale Welten

Es geht ja in Computerkreisen immer nach dem Motto, wer noch findiger ist. So kämpft Google gegen Microsoft, der Virenprogrammierer gegen die Antivirenfirma oder die Kopierschutzknacker gegen die Kopierschutzentwickler. Hier bekommt das Spiel einen neuen Namen: Je mehr Mühe die Datenangler aufwenden, um ihre Nutzer tatsächlich mit elektronischer oder gar postalischer Adresse zu Orten, desto findiger werden die Datenschützer, ihre Anonymität zu wahren. Daraus ist wie zufällig ein Stück Gegenwartskunst enstanden, das hier vorgestellt werden soll.
Da hat also jemand dieses Spiel mitgespielt und eine Maschine programmiert, ein virtuelles Selbst, was sag ich unzählig viele Selbste schafft. Kostenlos, auf Mausklick. Das Besondere ist, dass diese Selbste im Prinzip sämtliche technischen Überprüfungen überstehen. Die Ironie muss man sich mal bewusst machen: Prüfmaschinen, die dazu programmiert sind, reale Menschen von virtuellen Phantasien zu trennen, werden erst durch die Logik und Datenmasse eine Identitätsgenerierungsmaschine überlistet. Der Kampf um die Identitäten: In der virtuellen Welt eine Sache zwischen Robotern.
Konkret sieht das so aus: Der Fake Name Generator erstellt nicht nur einen virtuellen Namen, der zu Staatsangehörigkeit und Geschlecht passt. Er erfindet auch eine imaginäre Straße, deren sprachliche Logik der des wählbaren Heimatlandes entspricht und ergänzt eine real existierende Stadt selber Provinienz mit ihrer realen Postleitzahl. Die Mailadresse enthält den Phantasienamen vor dem @ und ist sogar funktionstüchtig. - Sie greift direkt auf den Service eines Spam-Vermeidungsdienstes zurück, bei dem die Mailadresse nie registriert werden muss und nach erfolgter Nutzung sich selbst überlassen werden kann. So erschafft die neue Technik einen Menschen, der nach allen technischen Überprüfungen real existieren müsste - aber doch nur das Produkt einer Maschine ist.

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