6 Jahre Noah :: ein Kunstprojekt wird YouTube-Kracher

Die Fakten sprechen für sich: Über 4 Millionen Leute haben das Video gesehen (damit gehört es zu den meistgesehensten Videos des Internet), 16.000 Kommentare wurden bisher abgegeben und 24.000fach wurde das Video als Favorit gespeichert.

Keine guten Zahlen, wenn es um Kunst geht.

Das Video, um das es geht, ist aber Kunst.

Allerdings so originell, dass sie massenwirksam wird: Der Fotograf, der der Welt als Noah bekannt ist, hat sich jeden Tag fotographiert – sechs Jahre lang. Die Bilder hat er zu einem Video geschnitten, in dem jede Minute etwa 360 Bilder durchflackern, in knappen sechs Minuten sieht man also sechs Jahre Leben im Portrait. Man sieht wie Haare wachsen und Frisuren in den Wuchs schlagen, wie die Gesichtsknochen sich strecken und Falten sich einziehen.

Das Alter, das einem der Langsamkeit wegen entgeht, wird Akteur, indem es sich dem Wahrnehmungstempo der Zeit anpasst, in die es etwas hineinerzählt. Dass das ausgerechnet auf dem Schlachtschiff der jungen Medienkultur, YouTube passiert, ist ein Teil des Werks. In diesem Spannungsfeld von Langsamkeit, die erst im Zeitraffer ihre Größe offenbart, wird einiges über unsere Zeit deutlich. Gut, die Fokussierung auf das Schnelle ist heute eine Platitüde. Aber schon die Erkenntnis, die das Schnelle uns über das Langsame ermöglicht, mit unserer Zeit in Verbindung zu bringen, ist eine interessante Idee. Diese Erkenntnis aus der Schnelligkeit heraus aber als Farce zu entlarven, als oberflächliche Idee von etwas, das wir im vorbeirennen nie eigentlich gesehen haben, das ist wirklich gut. Denn was bleibt? Das Verstehen, dass die Zeitrafferästhetik das Wesen der Langsamkeit nie fassen kann, sondern nur massenästhetikgemäß ins Bild rückt und assoziativ aufspannt. Der Zuschauer bleibt abseits von anatomischen Veränderungen der Person Noah im Dunkeln, was da eigentlich vor sich geht. Durch den Reiz des Äußeren, der durch die Weite der Jahre, die in sechs Minuten abbildbar zu sein scheint, auch deren Tiefe suggeriert, vergessen wir ganz, dass wir eigentlich nichts sehen. Und obwohl wir durch die Zeit rasen, für die der Fotograf selbst sechs Jahre gebraucht hat, wissen wir am Ende nicht mehr über ihn, als er uns in sechs Minuten hätte erzählen können. Aber wir sind – und auch das passt für unsere Zeit – statt erleuchtet von einem Inhalt erschlagen von der Form – und sind beflügelt bis benommen vor der vermeintlichen Größe dessen, das wir meinen, hinter dem Bildermeer nur nicht richtig erfasst zu haben.

Nur dass es da gar nichts gibt.

// das Video anschauen
// ein zweites Video von einer Frau, technisch noch besser: “me”


2 Antworten to “6 Jahre Noah :: ein Kunstprojekt wird YouTube-Kracher”

  1. bittekunst.de » Blog Archive » eine Ahnung vom wahren Leben :: das Zeitalter der Lachanfälle Says:

    [...] Es geht um das, was Soziologen die best-of-Gesellschaft betiteln. Die Menschen schauen die Tore und denken, sie haben das Spiel gesehen. Wenn man so will, sind YouTube, Myvideo und GoogleVideo die neuen Aushängeschilder dieser Medienform. Das ist künstlerisch ziemlich vielschichtig. Auf Bittekunst wurde bereits das Fotoprojekt von Noah besprochen, der sich sechs Jahre lang täglich aufnahm. Hier soll es um Filme gehen, die nicht intentional künstlerisch sind, aber in die selbe Kerbe schlagen. Es geht zum Beispiel um Filme, in denen die Versprecher – oder noch besser: Lachanfälle von renommierten Moderatoren festgehalten und tausendfach rezipiert und kommentiert werden. [...]

  2. eine Ahnung vom wahren Leben :: das Zeitalter der Lachanfälle | bittekunst.de Says:

    [...] dieser Medienform. Das ist künstlerisch ziemlich vielschichtig. Auf Bittekunst wurde bereits das Fotoprojekt von Noah besprochen, der sich sechs Jahre lang täglich aufnahm. Hier soll es um Filme gehen, die nicht [...]

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