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Artikel in der Kategorie 'Videokunst'

zwischen Breakbeat und Handkamera :: Tänzer bei YouTube

von David Schubert. Lust auf mehr? Schauen Sie in die Kategorien Bewegtes, Natur, Raum, Soziales, Tanz, Videokunst, Zeit, alle Posts, andere Musikvideoregisseure, beste Posts

Das meistgesehenste Video bei YouTube ist ein Tanzvideo. Wir reden hier von 40 Millionen Zuschauern: Der Komiker Judson Laipply hat “Evolution of dance” als Teil seiner Show “Inspirational Comedy” produziert und ist damit zum Superstar geworden: Zwischen Slapstick, Tanz, Chartmusik und Charme findet sich der Schlüssel zum Publikumshit. Laipply ist mit der nicht besonders guten Tanzperformance weltbekannt und Symbol für den Aufstieg von Youtube geworden, weil er den Massengeschmack perfekt getroffen hat. Damit ist er nicht mehr weit weg von einer ganz neuen Kunstform in YouTube: Junge Leute, vornehmlich hübsche Frauen, die in unaufgeräumten Zimmern zu Playback von CD ihre Lieblingslieder nachsingen und -tanzen, meist während Sie neue Klamotten anprobieren, sich schminken oder vor dem Fernseher sitzen. Eines dieser Videos gehört mit 12 Millionen Zuschauern ebenfalls zu den ganz großen Knallern auf YouTube (ein Erfolg, der die jungen Frauen so kalt erwischt hat, dass sie prompt ein Making Of-Dankevideo produzierten).

Ganz anders wirkt da der Tänzer von Bruce. Der herausragende Breakdance in einer Turnhalle fand immerhin eine Viertelmillion Zuschauer, spielt qualitativ aber schon in einer anderen Liga. Und in dieser Breakbeat-Ecke gibt es dann auch Leute wie David Elsewhere, die zu Ikonen der Netzkultur werden: Elsewhere, der eigentlich David Bernal heißt, ist Ausnahmetänzer eines Stils, den er mit Adjektiven wie liquid oder robotic beschreibt und der 2003 schon ziemlich eindrucksvoll aussah. Die Folgen dieser beiden Clips waren enorm: Nicht nur, dass David Elsewhere dank dieser Videos eine Menge Interviews in etablierten Medien geben durfte und in amerikanische Fernsehshows eingeladen wurde. Er wurde vor allem Symbolfigur einer neuen 60-Sekunden Berühmtheit, wie das Time Magazin konstatierte. David Elsewhere, vor wenigen Monaten noch David Bernal und relativ unauffällig, ist jetzt Werbefigur von Volkswagen und Heineken (die Videos dafür stehen auf seiner MySpace-Seite) und hat einen eigenen Lexikoneintrag bei Wikipedia.
Und dann gibt es noch Leute wie Matt Harding, die beweisen, dass grade aus der Massenorientierung und Amateurhaftigkeit, die völlig neue Zeitkapazitäten in der Filmproduktion frei werden lässt, echte Kunst entstehen kann. Wir verabschieden uns und sind mit YouTube schon wieder ein bißchen versöhnt, wenn wir sehen, was daraus werden kann: Das Video Where the hell is Matt? gehört mit rund 4,6 Millionen Zuschauern nämlich auch zu den meistgesehensten auf YouTube..

Ms. Dewey :: die menschliche Antwortmaschine

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Es ist ein Traum, seit Tim Berners Lee das World Wide Web erfunden hat: Eine Suchmaschine, die menschlich ist. Ms. Dewey ist eine, die nicht nur auf ganze Sätze reagiert, sondern auch wirklich aus Fleisch und Blut antwortet. Als animiertes Video. Augenzwinkernd und ziemlich clever gemacht. Ein erster Eindruck davon, was künstliche Intelligenz einmal sein könnte.

6 Jahre Noah :: ein Kunstprojekt wird YouTube-Kracher

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Die Fakten sprechen für sich: Über 4 Millionen Leute haben das Video gesehen (damit gehört es zu den meistgesehensten Videos des Internet), 16.000 Kommentare wurden bisher abgegeben und 24.000fach wurde das Video als Favorit gespeichert.

Keine guten Zahlen, wenn es um Kunst geht.

Das Video, um das es geht, ist aber Kunst.

Allerdings so originell, dass sie massenwirksam wird: Der Fotograf, der der Welt als Noah bekannt ist, hat sich jeden Tag fotographiert – sechs Jahre lang. Die Bilder hat er zu einem Video geschnitten, in dem jede Minute etwa 360 Bilder durchflackern, in knappen sechs Minuten sieht man also sechs Jahre Leben im Portrait. Man sieht wie Haare wachsen und Frisuren in den Wuchs schlagen, wie die Gesichtsknochen sich strecken und Falten sich einziehen.

Das Alter, das einem der Langsamkeit wegen entgeht, wird Akteur, indem es sich dem Wahrnehmungstempo der Zeit anpasst, in die es etwas hineinerzählt. Dass das ausgerechnet auf dem Schlachtschiff der jungen Medienkultur, YouTube passiert, ist ein Teil des Werks. In diesem Spannungsfeld von Langsamkeit, die erst im Zeitraffer ihre Größe offenbart, wird einiges über unsere Zeit deutlich. Gut, die Fokussierung auf das Schnelle ist heute eine Platitüde. Aber schon die Erkenntnis, die das Schnelle uns über das Langsame ermöglicht, mit unserer Zeit in Verbindung zu bringen, ist eine interessante Idee. Diese Erkenntnis aus der Schnelligkeit heraus aber als Farce zu entlarven, als oberflächliche Idee von etwas, das wir im vorbeirennen nie eigentlich gesehen haben, das ist wirklich gut. Denn was bleibt? Das Verstehen, dass die Zeitrafferästhetik das Wesen der Langsamkeit nie fassen kann, sondern nur massenästhetikgemäß ins Bild rückt und assoziativ aufspannt. Der Zuschauer bleibt abseits von anatomischen Veränderungen der Person Noah im Dunkeln, was da eigentlich vor sich geht. Durch den Reiz des Äußeren, der durch die Weite der Jahre, die in sechs Minuten abbildbar zu sein scheint, auch deren Tiefe suggeriert, vergessen wir ganz, dass wir eigentlich nichts sehen. Und obwohl wir durch die Zeit rasen, für die der Fotograf selbst sechs Jahre gebraucht hat, wissen wir am Ende nicht mehr über ihn, als er uns in sechs Minuten hätte erzählen können. Aber wir sind – und auch das passt für unsere Zeit – statt erleuchtet von einem Inhalt erschlagen von der Form – und sind beflügelt bis benommen vor der vermeintlichen Größe dessen, das wir meinen, hinter dem Bildermeer nur nicht richtig erfasst zu haben.

Nur dass es da gar nichts gibt.

// das Video anschauen
// ein zweites Video von einer Frau, technisch noch besser: “me”

der Künstler als Musikgeschichte :: Gnarls Barkley – Smiley Faces (R: Marc Klasfeld)

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Gnarls Barkley inszeniert sich hier als Musikgeschichte. Dreister, kreativer und selbstreflexiver hat sich selten ein Superstar in Szene gesetzt: Eine Pseudodokumentarische Sequenz umrahmt Filmzitate der Musikgeschichte von Duke Ellington über die Beatles, Bob Marley bis in die Neuzeit, um festzustellen: Ja, das alles war Gnarls Barkley. Er war das Phänomen hinter dem Phänomen, er war der nicht greifbare Mastermind der Musik des 20. Jahrhunderts. Eine gradiose Persiflage auf die Selbstreflexivität und Konstruiertheit der Musikwelt. Anschauen.

“He was involved in all this music. He was the music of the last century.”

(Musikvideosuche rechts oben)

Liebe das Leben (R: Vika Jagucanskyte)

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// den Film sehen

Gut, er kommt bescheiden daher, der Film, der das Glück erklären will. Er beginnt mit technisch unsauberen Schnappschüssen aus einer Stadt, die so wenig mit Glück assoziiert wird, wie Kohlekraftwerke oder Fabrikarbeit: Mannheim. Und fast unbemerkt zwirnt sich nach Sekunden aus den Bilderfäden ein Tau, das mitzieht, und die größere Idee fast unbemerkt etabliert: Die Allgegenwart des Glücks.
“Liebe das Leben” reiht Szenen wie Perlen auf die Schnur. Aber das wirkt nur zufällig. Denn dahinter komponiert die größere Idee die Bilder zur Musik. Ein Text von Hesse´s Siddahrta leitet an: Siddahrta, der später Buddha genannt werden sollte, durchfährt nach Jahren erfolgloser Askese, Völlerei und Meditation beim Übersetzen mit dem Fährmann die Erkenntnis, die der Anfangspunkt seiner Erleuchtung wird: Er erfährt das Ohm, die Einheit von allem.

Wenn er nicht auf das Leid noch auf das Lachen hört,
wenn er seine Seele nicht an irgendeine Stimme band
und mit seinem Ich in sie einging,
sondern alle hörte, das Ganze,
die Einheit vernahm,
dann bestand das große Lied der tausend Stimmen
aus einem einzigen Worte,
das hieß Ohm – die Vollendung

Und um diese Erleuchtung geht es dem Video. Zu groß? Nein. Es geht schon in Siddahrta um eine Erleutung, die – so groß sie auch klingt – im Erkennen des Größten im Alltäglichen besteht. Schon die Idee ist poetisch: Die absolute Größe, die Erleuchtung, das Erkennen der letzten Wahrheit, verlangt nicht etwas überirdisch Großes, sondern das Wahrnehmen dessen, was man die ganze Zeit wahrnimmt. Es geht um das, was schon der französische Film Amelie versuchte zu sagen: Das wahre Glück ist nicht größer, sondern kleiner. Es entsteht, wenn man die tausend Kleinigkeiten beachtet, die zu dem großen Glück beitragen.
“Liebe das Leben” ist das beeindruckende Debüt der Mannheimer Videokünstlerin Vika Jagucanskyte, die durch Interviews mit Freunden und Bekannten das Wesen des Glücks fassbar machen wollte. Kongenial unterstützt durch die Musik von Urs Gögler balanciert Jagucanskyte zwischen dem dokumentarischem Realismus der völlig unterschiedlichen Biographien und der so schwer greifbaren Poesie des Lebens, die diese Eckdaten in einen größeren Klang bringt. Dieser Poesie, die in einzelnen Momenten des Films kaum wahrnehmbar sichtbar wird, aber fühlbar das Größere ist, das den Rahmen um alle Szenen legt. Das ist so wahr und so gut eingefangen, dass nach einer Viertelstunde wirklich das Eine übrig bleibt: Ein inneres Wissen um die Allgegenwart des Glücks.

Das erinnert mich an eine Geschichte, von der gesagt wird, ein buddhistischer Meister habe sie einem Schüler erzählt, als dieser fragte, wo denn Gott zu finden sei.

Ein Fisch schwamm zu einem anderen Fisch und fragte erschöpft: “Sag mal, weißt Du, wo der Ozean ist? Ich suche schon die ganze Zeit.” “Der ist hier überall. Schau Dich doch um,” antwortete der zweite. “Nein, nein. Ich meine nicht das Wasser und die Algen und die Fische. Ich meine den Ozean,” meinte der erste Fisch mürrisch: “dann kannst Du mir wohl auch nicht helfen.” Und als er das gesagt hatte, schwamm er davon, um weiter zu suchen.

Motomichi Nakamura :: der Ikonograph unter den Musikvideomachern

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Motomichi Nakamura ist ein Genie. Seine Musikvideos gehören zu den hypnotischsten Stücken Videokunst. Seine Bildsprache ist so begrenzt – auf die Farben weiß, grau, schwarz und rot und die einfachsten geometrischen Formen – und so vielfältig in ihrer Originalität und vielschichtig in ihren Zusammenhängen, dass man seine Videos einfach kennen sollte. Keiner ist wie er. Und irgendwie ist das auch gut so, obwohl er herausragend gute Clips macht.

I believe that there are always two sides to everything like “light” and “shadow” and “good” and “evil”. When I create characters I try to reflect that idea to them.
(Interview: s. unten)

Knife- We Share Our Mothers Health
Eine Atari-inspirierte Welt in rot, grau und schwarz. Auch der Sound klingt nach 80er Computerderivaten. Die Grobheit der äußeren Ästhetik wird nur noch durch die Ikonographie übertroffen: Krasse abstrakte ikonographische Formen mit Motiven von Krieg und Menschsein, Operationsbesteck und schreienden Mündern, roboterhaft animiert, aber hypnotisch in ihrer Dynamik. Selten hat man ein so verstörendes Video mit so klarer Bildsprache gesehen. Schwarze Ovale auf grauem Grund werden zu Blumen und zu Raketen. Rote Tropfen wirken wie Blut und schwarz wirken sie wie Bomben. Kreise sind mal Köpfe, mal Bomben, mal Minen. Raketen werden zu stilisierten Vögeln, diese zu Bombenfliegern und die dann wieder zu Menschen, die anfangen zu singen, sobald sie von einem der roten Kreise getroffen werden. So werden Welten ineinander verwoben, deren inhaltliche Kohärenz peripher zu sein schien. So wird aus den unterschiedlichen Systemen doch wieder die eine Welt, die als Phrase des Friedens mit Drittweltländern in Erinnerung ist und hier doch meint: Die eine Welt, in der alles auf Krieg hinausläuft. Die in jedem ihrer Systeme Wege konzeptioniert hat zu Entfremdung und Gewalt. Bei der ein Apfel zur Bombe wird und die Spritze des Arztes zum Bombenflieger. Das klingt alles sehr grob und das ist es nicht: Hinter der auf den ersten Blick einseitigen Bildsprache entwickeln sich nach mehrmaligem Schauen neue Ebenen und Schlüssel zum Verstehen. Der eigentümliche Sog der Bilder tut sein übriges, um die kongenial zur ambivalent nervig-inspirierenden Musik variierten Symbole so miteinander zu vernetzen, dass echte Kunst entsteht. Kunst, die in ihrer Aussage ihre eigene, zu eindeutige Bildlichkeit transzendiert. Und wird, was sie war: Eine Geschichte von Ikonographien über Krieg und Menschsein.

Otto von Schirach – Laptops und Martinis
Nicht viel Neues zu sagen. Zu sehen schon: Abermals herausragend komponierte, symbolhafte Meisterwerke animierter Geometrie. Wieder das Spiel mit den Farben rot, schwarz und weiß und deren Bedeutung. Assoziationen an Gewalt, Verkehr, Blutstropfen, Maschinengewehre, Monster und die Verlorenheit des Einzelnen in der geometrischen Idee. Verstörend, verdreht, verquer. Wie ein Fiebertraum zwischen, ja, genau: Laptops und Martinis.

// Interview mit dem Ausnahmeregisseur Motomichi Nakamura

Im Reich der Reproduzierbarkeit :: Hot Chip – Over and Over (R: Nima Nourizadeh)

von René Büttner. Lust auf mehr? Schauen Sie in die Kategorien Assoziatives-Surreales, Bewegtes, Farbe, Form, Soziales, Videokunst, alle Posts, andere Musikvideoregisseure, beste Posts, digitale Welten

Einen Augenblick im Bild ist ein urwüchsiges Fachwerkhaus, aus den Lautsprechern tönt das monotone Gebimmel eines Windspiels. Realität mit Struktur. Dann der Blick in einen Raum, der den statischen Bildaufbau mit vollkommen anderen Inhalten wiedergibt. Kaum gesehen, gerät die Kontur in Bewegung, wir vergessen das Haus sofort und fahren mit der Kamera durch einen froschgrünen, auf beklemmde weise leeren, unwirklichen Raum. Eine virtuelle Welt? Strukturen, aber keine Realität. Da taucht eine Bühne auf, mit Menschen aus Fleisch und Blut, es sind die Jungs von HOT CHIP, die sichtlich gelassen angesichts der rätselhaften Umgebung, ihren Hit « Over and over » rocken. Vor und hinter ihnen grüne Froschmänner, konturlos vor der grünen Auskleidung des Raumes, hierdurch seltsam körperlos. Doch genau deshalb keine Fremdkörper, angepasst an die Gegebenheiten dieser Umwelt. Sichtlich in ihrem Element tanzen sie den körperlichen Menschen Bewegungen vor, die eigentlich, ob der Körperlosigkeit ihres Mediums, nur Ideen von Bewegungen sind. Doch unter dem hypnostischen Rhythmus der Musik, dem over and over des Upbeats, müssen diese Bewegungen nachgemacht, nachgetanzt werden, immer und immer wieder. Die Froschmänner sind in ihrem Element, sie sind, dank ihrer Eigenschaft als bloße Ideen, die Herren des virtuellen Raumes. Sie werden immer dreister, lassen die Menschen bei aus dem Kontext genommenen Bewegungsabläufen unbeholfen aussehen, manipulieren deren Gestik immer offensichtlicher. Doch wie « echt » sind ihrerseits die Menschen? Der Sänger trägt ein T-Shirt mit dem Aufdruck eines Skeletts, wie um zu sagen: ich habe einen Bauplan, auch ich bin nur eine Idee. Ein kleines Häufchen von Fans steht vor der Bühne. Da taucht es direkt daneben noch einmal auf. Und noch einmal. Die kleine Gruppe fängt an, den Platz vor der Bühne gut zu füllen. Es zählt nur die Idee des Fans, sein Quellcode, die Realisierung und Multiplizierung ist im virtuellen Raum kein Problem. Es ist die Übermacht des Konzepts, die in diesem Video die fassbare Welt Purzelbäume schießen lässt. Es sind nicht Menschen, die Ideen haben, sondern es sind die Ideen, die sich der Menschen bemächtigen, sie marschieren lassen « like a monkey with a miniatur cymbal ». Die Idee, beheimatet in einer elektronischen Datenwelt, findet hier, so wie in Cunninghams « Monkey Drummer » (siehe unten), eine beliebige gegenständliche Realisierung, unwirklich und albtraumhaft. Geniales Konzept.

die digitale Geburt des Bekannten :: Musikvideokunst mit Instrumenten

von David Schubert. Lust auf mehr? Schauen Sie in die Kategorien Animation, Bewegtes, Chris Cunningham, Form, Michel Gondry, Soziales, Verweise auf Kunst, Verweise auf Musik, Videokunst, alle Posts, digitale Welten, selbstreferentiell

Es ist etwas paradox: Die Visualisierung ist soweit fortgeschritten, dass man alles darstellen kann: Von den surreal-komplexen Landschaften einer Missy Eliott (get ur freak on) bis zu abstrakte Rorschachkunstwerken eines Gnarles Barkley (Crazy). Alles eine Frage des Geldes.

Da ist es fast schon wieder subversiv, sich um richtige Natur zu kümmern. Im Sinne von: Die postmoderne digitale Revolution liegt in der Nachahmung der Natur bis zur Unkenntlichkeit. So geschehen bei Björk in Joga oder bei den Chemical Brothers in Star Guitar – beides von Michel Gondry.

Aber hier gehen wir einen Schritt weiter, denn es geht um die Darstellung von Musikinstrumenten in der Musikvideokunst. Denn auf die Musik übertragen heißt Natur: Die mechanischen Instrumente wieder in Szene zu setzen. – Und dabei den Schritt der digitalen Weiterentwicklung zu kommentieren. Harmlose Versuche, die mehr technisch als poetisch sind, kommen von animusic (Videosuche rechts oben). Wirklich gut wird es wieder bei den Altmeistern:

Chris Cunningham: Aphex Twin – Monkey Drummer
Wenn Elektrosound-Guru Aphex Twin die Töne macht, ist klar, dass das zugehörige Schlagzeug keines für Menschen ist. Ein Roboteraffe spielt mit vier Armen auf einem Schlagzeug die Sounds, die Aphex Twin elektronisch produziert hat. In seiner Schlichtheit ist das Video leicht zu übersehen. Es gilt trotzdem als eine Ikone der Musikvideokunst, wird immer wieder in Museen ausgestellt und vom NRW Forum Kultur und Wirtschaft 2004 zu den 100 einflussreichsten Videos der Geschichte gezählt. Das ist berechtigt, weil Cunningham hier im trommelnden vierhändigen Affen ein treffendes Symbol findet für die Beziehung von elektronischer zu mechanisch produzierter Musik. Eine Differenz, die analog die Postmoderne von der Moderne zu unterscheiden in der Lage wäre. Und er liefert uns ein Bild, dass von einer fast unauffälligen Einfachheit ist und doch Meilenstein der Auseinandersetzung im Rahmen der Positionierung von elektronischer Musik geworden ist.

Alex & Martin: The White Stripes – Seven Nations Army
Das Video ist wie vieles von Gondry beim Kultlabel Partizan erschienen – und dessen herausragende Originalität scheint abgefärbt zu haben: Eine vierminütige Zoomsequenz durch ästhetische Dreiecksformen, in die klassische Live-Einstellungen mit den dazugehörigen Instrumenten eingearbeitet sind – schlicht, bestechend eindrucksvoll und klar orientiert am Lauf der Musik.

Michel Gondry: The White Stripes – The Hardest Button to Button (Videosuche rechts oben)
“It’s the greatest video we’ve ever made” sagt der White Stripes-Frontman in einem MTV Interview. Tatsächlich gilt der Clip vielen als Meisterwerk der Musikvideokunst: Gondry hat – wie schon in Star Guitar oder Around the World versucht, die Musik unmittelbar im Bild zu spiegeln. Bei “The Hardest Button to Button” wird jeder Schlag von einem Schlagzeug begleitet, dass neu im Bild erscheint und das immer nur mit den Einzelteilen ausgestattet ist, die für diesen Schlag in der Musik verwendet werden. Wird die Gitarre verwendet, kommt sie ins Bild. Die Instrumente jedes Schlages werden in Reihe gestellt, so dass die Musik in ihrer Visualisierung gleicham einen Weg bildet: Ein vor und zurück, ein weitergehen, einen Ortswechsel dort, wo Atmosphärenwechsel die Musik verändern. Und gekrönt wird das ganze von einem herausragenden Rundumschwenk im Schatten einer Brücke. – Unbedingt ansehen.

wegweisende HipHop Musikvideos :: Auseinandersetzungen mit Beats, Bargeld und Brüsten

von David Schubert. Lust auf mehr? Schauen Sie in die Kategorien Bewegtes, Farbe, Form, Tanz, Videokunst, alle Posts, andere Musikvideoregisseure, digitale Welten, selbstreferentiell

Das Hip-Hop-Video hat seit Jahren eine sehr spezifische Bildsprache etabliert, die wir hier mal an besonders gelungenen und besonders rebellischen Musikvideos in den Fokus rücken möchten.

Fangen wir an bei der Ästhetik (und damit meine ich jetzt nicht Brüste und Status): Schon bei Justin Timberlakes Mainstream-Video “My Love” wird klar, wie gut die Choreographien des Hip-Hop-Tanzes aussehen können. Und wenn man sich danach “Work it Remix” von Missy Elliott anschaut sieht man, was man mit Kreativität daraus machen kann. Missy Elliott gilt als Referenz der Hop-Hop-Szene, was die Musikvideos angeht: Nie ganz daneben und oft Maßstäbe setzend in Bildidee, Konzeption und Choreographie. Das klingt wie Björk? Nicht ganz verkehrt. Denn obwohl das Hip-Hop-Genre künstlerisch beengt ist, geht Missy Elliott an die Grenzen. Beispiele? “Get Ur Freak On”, “Supa Dupa Fly” oder “lose control”. – Alles Ausnahmevideos mit Missy in Hochform.

Aber kommen wir zu dem, was Hip-Hop-Videos immer auch waren: Sex und Status. Der Musikredakteur von Viva hat mir mal gesagt:

“Hip-Hop-Videos erkennt man im Moment daran, dass irgendwann ein Helikopter auftaucht.”

Das war zu Hochzeiten der Goldketten und Rolexuhren, schwarzen Limusinen und quasi-nackten Hübschchen in den Musikvideos der großen Rapper. Der Hedonismus der Neunziger fand im street-credibility-credo der Hip-Hopper eine neue Spitze: Als die Musik irgendwann mal aus den Armenvierteln emporgewachsen war (und diverse ex-Außenseiter ihren Aufstieg gegenüber den Daheimgebliebenen am glaubwürdigsten mit teuren Uhren, großen Autos und schönen Frauen inszenieren konnten) galt das völlig maßlose Statusdenken als Beweis der Kraft des Willens der Straße und irgendwie schien eine Zeit lang nur der Hip-Hopper, der den Wert eines Kleinwagens als Schmuck am Körper trug, überhaupt mit Fug und Recht behaupten zu dürfen, er käme aus einem Ghetto (was wiederum seine Plattenverkäufe anzuheben in der Lage war). Das Verhältnis des Rappers zum Besitz war in dieser Zeit ambivalent.

Die Standardfilmchen mit Hubschraubern und teuren Wagen möchte ich vorenthalten. Zumindest direkt zu einem Künstler kommen, der mit diesen Symbolen spielt wie kein zweiter: 50 Cent im Video “P.I.M.P.”. (Videosuche rechts oben) Die Geschichte des Mannes liest sich wie die Musterbiographie eines Hip-Hoppers und wimmelt von Gewalttaten, ärmlichen Verhältnissen, Verwicklungen ins Drogenmilieu und Härten des Lebens. Eminem und Dr. Dre, zwei Urgesteine der Szene, haben dem Jungen endlich zu eigenen CDs verholfen, von denen eine – wie passend – “Get rich or die tryin´” heißt. Das ganze wäre nicht erwähnenswert, würde 50 cent in seinem Video zu P.I.M.P. nicht das ganze Hip-Hop-Selbstverständnis, dem er selbst so nahe steht, lachenden Gesichts an die Wand persiflieren (und das mit Komplizenschaft von den zwei ganz Großen – Snopp Dogg und G-Unit): Eine riesige Villa, alles in weiß, ein Ölbild des schwarzen Rappers im Stil weißer Kolonialherren über dem Kamin, ein duzend Frauen in weißer Unterwäsche und der herrische Gang von 50 Cent durch das Anwesen, das wirklich nichts anderes aussagt, als den Kontostand des Besitzers. Die Absurdität erreicht einen Höhepunkt im Kongress der “Pimp Legion of doom”: Ein Raum mit den größten Rappern der Zeit, die mafiamäßig um 50 Cent herumsitzen, um zu erfahren, ob dieser wirklich ein “Pimp” ist.

“He doesn´t drive a cadillac. (Ablehnung) He doesn´t got a perm. (Kopfschütteln). Why should we put him in the Pimp Legion of Doom?”

“But I got the magic stick.”

Soweit ich weiß hat sich keiner der großen Rapper derart selbstironisch mit der Rolle des modernen Hip-Hop-Videos auseinandergesetzt.

Weird Al Yankovic’s hat in seinem White&Nerdy Clip diesen HipHop-Hedonismus in eine nette Bildsatire gepackt und – damit sind wir entgültig beim Bruch der goldenen Hip-Hop-Regeln – der Hamburger Rapper Jan Delay zelebriert die Distanz vom Busen-und-Status-Hip-Hop in etlichen seiner schrägen Texte: In “klar” lässt er sich von Frauen in Showglamour-Klamotten souflieren und trägt einen Smoking, während er mit einem Bagger das Haus einreisst, in dem er singt. Und in “Ich möchte nicht, dass ihr meine Lieder singt” liefert er eine Abrechnung mit der Hip-Hop-Hörerschaft, die noch etwas weiter geht. Aufgenommen auf dem Kölner Karnevalszug (Jan Delay ist als Palästinenser verkleidet und spielt Flöte auf einem Maschinengewehr mitten im Gedränge). Daraus:

Ich möchte mich nicht in Köpfen befinden zusammen Gedanken,
die unter Einfluss vom Axel-Springer-Verlag entstanden.
In den ganzen verstrahlten Hirnen wär ich gern abhanden,
denn vor allem, können die Babylonier nicht klatschen und tanzen.

Dem ist in Anbetracht von bekannten wie bekloppten Videos á la “put ´em on a glass” von Sir Mix a Lot wohl nichts hinzuzufügen. Und wirklich kreative Versuche wie der von Michel Gondry für Kanye West (“Heard ´em say”) werden vermutlich nie Mainstream werden..

gute trashige Musikvideos :: vom Stil hinter dem schrägen Bild

von David Schubert. Lust auf mehr? Schauen Sie in die Kategorien Bewegtes, Farbe, Form, Michel Gondry, Spike Jonze, Videokunst, alle Posts, andere Musikvideoregisseure, selbstreferentiell

Trash zum Kult zu machen sagt mehr über die Zeit aus, in der das passiert, als über die Kunst hinter der Musik. Darum geht es hier nicht. Hier geht es um Videos, die wie Trash daherkommen, aber auf zweiter Ebene tatsächlich künstlerischen Anspruch haben.
Bestes Beispiel: Hot Chip mit Over and Over. Herausragender Schrammel-Pop mit musischem Tiefgang und ein Video in grell-monotonem Grün mit hypnotischem Sog: Die Trash-Optik ist hier nur Oberfläche für eine gewitzte Auseinandersetzung mit Archetypen der Musik: Tanz, Bewegung, Konzert, Zuschauern. Gegen Ende wird klar, dass das Setting des Videos ein Brennglas wird für die Manipuliertheit des Mediums Musik. Wie weit das ironisch gemeint ist, bleibt offen. Und diese analytische Sichtweise auf das plump inszenierte Bild spiegelt kongenial den Kontrast zwischen hopsenden Musikern und hochprofessionell instrumentierter Musik. Ein großes Video – und nicht umsonst von ifilm zu den Musikvideos des Jahres gewählt.
Ein Video, das mehr als jedes andere für das künstlerische Potenzial von Trash gelten kann, ist hier schon besprochen worden: Fatboy Slim – Praise you, eine 300$ Produktion (das meiste ging für das Catering drauf) der Musikvideokoryphäe Spike Jonze. Mehr über die Hintergründe im Artikel zum Video bei bittekunst.de.

Neben Fatboy Slim gehört dann unter die ganz bekannten Trash-Clips auch das Daft Punk Video zu “Around the World”: Das hat der zweite unter den großen Musikvideoregisseuren gedreht: Michel Gondry. Und hier kommt er auf den ersten Blick ungewohnt träge daher: Eine Choreographie auf engem Raum, allzu vorhersehrbar, in 60er Jahre optik eingekleidet und beleuchtet. Auf den zweiten Blick erkennt man, dass jedes der Quartette einer Tonspur der Musik zuzuordnen ist und die Interaktionen der Gruppen denen der musischen Spuren entsprechen. Die Vorhersehbarkeit der Choreographie entspricht der Monotonie der Tonspuren, entwickelt aber zusammen mit dieser eine fast tranceartige Konzentration auf das Spiel der unterschiedlichen Elemente und deren dynamische Verbindung. Dazu passt, dass das ganze Video in einer Jukebox spielt, wie am Ende klar wird: Die Tänzer sind die Töne, die auf einer Schallplatte tanzen. (Videosuche rechts oben)

Beide Videos, “Praise You” von Fatbox Slim und “Around the world” von Daft Punk, haben übrigens den MTV Award zum Video des Jahres gewonnen.

Noch ein viertes Video zum Abschluss: OK Go mit “Here it goes again”. Ein äußerst cleverer Videoclip mit acht Laufbändern. Das Setting entnüchtert: Alles aus einer Perspektive, monotone Beleuchtung, kein Schnitt im ganzen Video und im Hintergrund des kahlen Raumes, in den die Kamera stiert, eine silberne Plastikplane. Keine Deko außer acht Laufbändern und vier Bandmitgliedern. Aber die Choreographie, die diese vier Leute auf den Laufbändern aufführen, ist einen zweiten Blick wert. Das Video findet sich hier.

Soweit meine Favoriten an hintergründig guten Trash-Videos. Ist was nicht dabei? Schreibt´s in den Kommentar.