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Artikel in der Kategorie 'Assoziatives-Surreales'

please wait – your dream is loading

von David Schubert. Lust auf mehr? Schauen Sie in die Kategorien Animation, Assoziatives-Surreales, Authentizität, Bewegtes, Farbe, Form, Inspirationsmaschinen, Interaktives, Künstliche Intelligenz, Verweise auf Kunst, Verweise auf Malerei, alle Posts, beste Posts, digitale Welten, interaktive Netzkunst

Der Traum on demand, das kann nur schiefgehen, denkt man. Leonardo Solaas hat 2005 eine Maschine entwickelt, die Träume auf Bestellung ausliefert. Was sie dafür braucht, ist das Thema des Traums in Form mehrerer Schlagworte. Und was sie liefert, ist wirklich beeindruckend: Das System sucht Bilder, die zu den Schlagworten passen und verortet diese in einen visuell-assoziativen Raum, indem Farben und Formen in tausenden von kleinen Linien verfremdet werden. Was entsteht sind langsam sich konkretisierende Bilder zwischen Farbklecksen, der Ästhetik der Geometrie und archetypischen Elementen eben jener Bilder, die durch die Art der Darstellung einen ganz eigenen Sog entwickeln: dreamlines ist der Versuch, dem Internet seine Definiertheit zu nehmen. Der Konkretion der digitalen Information das Nebulöse des Gedankens zurückzugeben, inmitten gestochen scharfer Fotos, die genau vorgeben, was sich denken lassen soll, den Raum für die Assoziation neu zu definieren. In diesem Sinn ist das Projekt dreamlines ein Paradigmenwechsel: War das Internet bzw. digitale Informationsrepräsentation insgesamt seit jeher gekennzeichnet durch stetig zunehmende Klarheit, Fehlerfreiheit – im ästhetischen Sinn: Perfektion des Abbilds – so wird hier deutlich, dass eine Antithese der ästhetischen Entwicklung ansteht, die Wiederentdeckung des schemenhaften, der Phantasie, der Freiheit einer Form. Dass diese Rückbesinnung kein Rückschritt ist, zeigt der interaktive und bewegte Charakter der Installation: Was Leonardo Solaas hier vorlegt ist kein schemenhaftes Bild, sondern der einem digitalen Zeitalter angemessene Mechanismus, mit dem bestehende Information zu einem solchen zusammengefügt wird. Dreamlines ist genuin digital und schafft einen interaktiven Raum assoziativer Bildlichkeit, der hochtechnisch umgesetzt wird. Und auf eine eigentlich poetische Weise, spannt diese Installation im Mediendiskurs ganz neue Bedeutungsebenen auf. Wie Leonardo Solaas selbst schreibt:

Who is dreaming? The user, or the Internet itself? In a certain way, both.

Schnecken, Schriften, Erektionen :: ein Chaosfilm von Petra Mrzyk und Jean-François Moricea

von David Schubert. Lust auf mehr? Schauen Sie in die Kategorien Animation, Assoziatives-Surreales, Bewegtes, Farbe, Form, Narration, Raum, Soziales, Verweise auf Kunst, Verweise auf Typographie, Videokunst, alle Posts, andere Musikvideoregisseure, beste Posts, digitale Welten

Ein Flug durchs Weltall, an Millionen schwereloser Schnecken vorbei. Und kontrastrierend eingeblendet: eine der verdrehtesten und genialsten Typographieanimationen, die man in gegenwärtiger Musikvideokunst findet. Ja, excuse moi von Petra Mrzyk und Jean-François Moricea ist ein wirklich besonderes Video. Über das Thema des Liedes informiert sich am besten jeder selbst, aber die Ästhetik soll hier kurz aufgegriffen werden: Mrzyk und Moricea bauen aus rund 5000 typographischen Einzelarbeiten von Philippe Katerine eine Homage an die Schrift, die sich gewaschen hat. Selten so gut und kreativ animierte Typographie gesehen. Selten so fluide Typen, so passend zum Charakter der Musik, so ganz eigenständig und irgendwo zwischen High-Tech und handgemacht. Das visuelle Karussell wird begleitet von einer Musik zwischen richtig schlechtem Techno und Teenie-Pop. Und zwischen der eigentlich geschmacklosen Musik, einige tausend Schnecken, Raumschiff Enterprise und bonbonbunten Schriftgemälden findet sich wohl irgendwo die Wahrheit dieses Liedes. Vielleicht diese: Es gibt sie nicht. In einer imaginierten Welt, in der jedes Element Retorte ist und seinerseits soviel Raum im Ganzen beansprucht, dass das so geschaffene Universum nur deshalb nicht in seine Einzelteile zerberstet, weil sie die jeweils dominanten Elemente gegenseitig wegdrängen und damit im Bild stabilisieren. Es entsteht ein zusammenhangloses Bild der Ungetüme, eine Komposition der Größe im Trash, ein Werk inmitten von Pop, Porno und Videokunst. Und in diesem egozentrischen Assoziationsgewitter, so klingt es, ist es eigentlich egal, worauf man sich bezieht. Und genau darin liegt wieder eine künstlerische Wahrheit. Vielleicht eine, die näher an der Gegenwart liegt, als irgendeine sonst.

[Petra Mrzyk, Jean-François Moricea, Typographie, Animation, digital art, Medienkunst, Chaos, Schnecken, Erektion[/tags]

Marsellus Wallace wahres Gesicht :: Pulp Fiction Dialoge als Typographie-Kunst

von David Schubert. Lust auf mehr? Schauen Sie in die Kategorien Animation, Assoziatives-Surreales, Audiokunst und Klang, Authentizität, Bewegtes, Farbe, Form, Narration, Typographie, Verweise auf Kunst, Verweise auf Typographie, Videokunst, alle Posts, beste Posts, digitale Welten, selbstreferentiell

Was man mit Buchstaben anstellen kann, hat schon Antoine Bardout-Jaques für Alex Gopher´s “the Child” gezeigt. Der neue Geniestreich kommt von Jaratt Moody und ist die Visualisierung eines Pulp Fiction Dialogs: Samuel L. Jackson macht im Auftrag seines Chefs, des Supergangsters Marsellus Wallace, einen Typen fertig und schießt im ins Knie. Die Szene dazu ist Kult, ziemlich brutal und einer der Gründe dafür, dass Quentin Tarrantino mit dem Film weltbekannt geworden ist. Ein cleverer Typograph hat jetzt diese Sequenz in bewegten Buchstaben visualisiert. Das ist viel interessanter, als es klingt. Denn anders als in “the child” werden die Buchstaben nicht als visuelle Symbole benutzt, sondern sind emotionale Träger, obwohl sie auf ihre rudimentär Typographischen Charakteristika beschränkt bleiben (Größe, Neigung, Schriftart, etc.). Und in dieser Reduktion auf die vermeintlich formalistische Sprache der Typographie wird die ganze Wirkkraft der Worte deutlich, die ganze Mehrinformation des Ausdrucks. Entkernt vom Bild wird die Szene in eine Schriftebene zurückkatapultiert, ohne jedoch die szenischen Eigenschaften aufzugeben. Und damit findet das Werk neben der inhärenten Ästhetik eine neue Aussagekraft: Es steht als Kunstwerk genau an der Schwelle von Schrift mit ihren abstrakten Symbolen und Film mit seinen dynamischen, unmittelbaren Codes. Und noch mehr: Es verbindet beide Ebenen kongenial, in dem es das Potenzial der bewegten Schrift zeigt, ohne die ureigensten Beschränkungen der Schrift aufzugeben. Damit steht das Pulp-Fiction-Kunstwerk zwischen den Welten von Schrift und Film, trennt und verbindet gleichermaßen. Und dass ist wirklich einen Blick wert.

Ansehen!
Es gibt von dem Film auch eine Low-Res-Version auf ifilm. Schaut´s Euch an.

[tags]Marsellus Wallace, Pulp Fiction, Typographie, digital art, animation art, Typographiekunst[/tags]

Motomichi Nakamura :: der Ikonograph unter den Musikvideomachern

von David Schubert. Lust auf mehr? Schauen Sie in die Kategorien Assoziatives-Surreales, Bewegtes, Farbe, Form, Soziales, Verweise auf Kunst, Verweise auf Zeichnen, Videokunst, alle Posts, andere Musikvideoregisseure, beste Posts, über Kunst, über Video/Animation

Motomichi Nakamura ist ein Genie. Seine Musikvideos gehören zu den hypnotischsten Stücken Videokunst. Seine Bildsprache ist so begrenzt – auf die Farben weiß, grau, schwarz und rot und die einfachsten geometrischen Formen – und so vielfältig in ihrer Originalität und vielschichtig in ihren Zusammenhängen, dass man seine Videos einfach kennen sollte. Keiner ist wie er. Und irgendwie ist das auch gut so, obwohl er herausragend gute Clips macht.

I believe that there are always two sides to everything like “light” and “shadow” and “good” and “evil”. When I create characters I try to reflect that idea to them.
(Interview: s. unten)

Knife- We Share Our Mothers Health
Eine Atari-inspirierte Welt in rot, grau und schwarz. Auch der Sound klingt nach 80er Computerderivaten. Die Grobheit der äußeren Ästhetik wird nur noch durch die Ikonographie übertroffen: Krasse abstrakte ikonographische Formen mit Motiven von Krieg und Menschsein, Operationsbesteck und schreienden Mündern, roboterhaft animiert, aber hypnotisch in ihrer Dynamik. Selten hat man ein so verstörendes Video mit so klarer Bildsprache gesehen. Schwarze Ovale auf grauem Grund werden zu Blumen und zu Raketen. Rote Tropfen wirken wie Blut und schwarz wirken sie wie Bomben. Kreise sind mal Köpfe, mal Bomben, mal Minen. Raketen werden zu stilisierten Vögeln, diese zu Bombenfliegern und die dann wieder zu Menschen, die anfangen zu singen, sobald sie von einem der roten Kreise getroffen werden. So werden Welten ineinander verwoben, deren inhaltliche Kohärenz peripher zu sein schien. So wird aus den unterschiedlichen Systemen doch wieder die eine Welt, die als Phrase des Friedens mit Drittweltländern in Erinnerung ist und hier doch meint: Die eine Welt, in der alles auf Krieg hinausläuft. Die in jedem ihrer Systeme Wege konzeptioniert hat zu Entfremdung und Gewalt. Bei der ein Apfel zur Bombe wird und die Spritze des Arztes zum Bombenflieger. Das klingt alles sehr grob und das ist es nicht: Hinter der auf den ersten Blick einseitigen Bildsprache entwickeln sich nach mehrmaligem Schauen neue Ebenen und Schlüssel zum Verstehen. Der eigentümliche Sog der Bilder tut sein übriges, um die kongenial zur ambivalent nervig-inspirierenden Musik variierten Symbole so miteinander zu vernetzen, dass echte Kunst entsteht. Kunst, die in ihrer Aussage ihre eigene, zu eindeutige Bildlichkeit transzendiert. Und wird, was sie war: Eine Geschichte von Ikonographien über Krieg und Menschsein.

Otto von Schirach – Laptops und Martinis
Nicht viel Neues zu sagen. Zu sehen schon: Abermals herausragend komponierte, symbolhafte Meisterwerke animierter Geometrie. Wieder das Spiel mit den Farben rot, schwarz und weiß und deren Bedeutung. Assoziationen an Gewalt, Verkehr, Blutstropfen, Maschinengewehre, Monster und die Verlorenheit des Einzelnen in der geometrischen Idee. Verstörend, verdreht, verquer. Wie ein Fiebertraum zwischen, ja, genau: Laptops und Martinis.

// Interview mit dem Ausnahmeregisseur Motomichi Nakamura

Im Reich der Reproduzierbarkeit :: Hot Chip – Over and Over (R: Nima Nourizadeh)

von René Büttner. Lust auf mehr? Schauen Sie in die Kategorien Assoziatives-Surreales, Bewegtes, Farbe, Form, Soziales, Videokunst, alle Posts, andere Musikvideoregisseure, beste Posts, digitale Welten

Einen Augenblick im Bild ist ein urwüchsiges Fachwerkhaus, aus den Lautsprechern tönt das monotone Gebimmel eines Windspiels. Realität mit Struktur. Dann der Blick in einen Raum, der den statischen Bildaufbau mit vollkommen anderen Inhalten wiedergibt. Kaum gesehen, gerät die Kontur in Bewegung, wir vergessen das Haus sofort und fahren mit der Kamera durch einen froschgrünen, auf beklemmde weise leeren, unwirklichen Raum. Eine virtuelle Welt? Strukturen, aber keine Realität. Da taucht eine Bühne auf, mit Menschen aus Fleisch und Blut, es sind die Jungs von HOT CHIP, die sichtlich gelassen angesichts der rätselhaften Umgebung, ihren Hit « Over and over » rocken. Vor und hinter ihnen grüne Froschmänner, konturlos vor der grünen Auskleidung des Raumes, hierdurch seltsam körperlos. Doch genau deshalb keine Fremdkörper, angepasst an die Gegebenheiten dieser Umwelt. Sichtlich in ihrem Element tanzen sie den körperlichen Menschen Bewegungen vor, die eigentlich, ob der Körperlosigkeit ihres Mediums, nur Ideen von Bewegungen sind. Doch unter dem hypnostischen Rhythmus der Musik, dem over and over des Upbeats, müssen diese Bewegungen nachgemacht, nachgetanzt werden, immer und immer wieder. Die Froschmänner sind in ihrem Element, sie sind, dank ihrer Eigenschaft als bloße Ideen, die Herren des virtuellen Raumes. Sie werden immer dreister, lassen die Menschen bei aus dem Kontext genommenen Bewegungsabläufen unbeholfen aussehen, manipulieren deren Gestik immer offensichtlicher. Doch wie « echt » sind ihrerseits die Menschen? Der Sänger trägt ein T-Shirt mit dem Aufdruck eines Skeletts, wie um zu sagen: ich habe einen Bauplan, auch ich bin nur eine Idee. Ein kleines Häufchen von Fans steht vor der Bühne. Da taucht es direkt daneben noch einmal auf. Und noch einmal. Die kleine Gruppe fängt an, den Platz vor der Bühne gut zu füllen. Es zählt nur die Idee des Fans, sein Quellcode, die Realisierung und Multiplizierung ist im virtuellen Raum kein Problem. Es ist die Übermacht des Konzepts, die in diesem Video die fassbare Welt Purzelbäume schießen lässt. Es sind nicht Menschen, die Ideen haben, sondern es sind die Ideen, die sich der Menschen bemächtigen, sie marschieren lassen « like a monkey with a miniatur cymbal ». Die Idee, beheimatet in einer elektronischen Datenwelt, findet hier, so wie in Cunninghams « Monkey Drummer » (siehe unten), eine beliebige gegenständliche Realisierung, unwirklich und albtraumhaft. Geniales Konzept.

Cunninghams Horrorästhetik :: The Horrors – Sheena is a parasite (R: Chris Cunningham)

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Ganz neu und doch wieder der alte: Cunningham, der selten poetisch war, eigentlich eher krass und laut und heftig, hat nach der Überraschung für Madonna (“Frozen”) wieder mal etwas gedreht, das man erwartet hätte. Und doch wieder nicht. Denn erwähnenswert ist das Video für The Horrors (“Sheena is a parasite”) allein deshalb, weil Cunningham einen Schritt gegangen ist: Von den surrealen Traumwelten für Aphex Twin (“Come to Daddy”) und Björk (“All is full of love”) schafft er diesmal die Synthese zum Live-Video und damit eine Realitätsbindung, die für seinen Stil eine kleine Revolution bedeutet. Denn die Basis des Videos ist eine unterbelichtet aufgenommene Live-Gig-Szenerie: Ein tanzendes Mädchen, ein Kopf am Mikrophon, erinnert alles sehr an Zeiten, in denen ACDC Gitarren schreddernd durch Musikvideos geheizt sind (obwohl the horrors um einiges fieser rüberkommen und – wie gesagt – das Video in dieser Geisterbahn-Helligkeit gedreht ist). Mitten in diese Szenerie hinein baut Cunningham jetzt seine verstörenden, milisekundenlangen Schnitte, die das Video mit aller Gewalt auseinanderschlagen und keine drei Sekunden später ist alles wieder normal. Kommt alles wie unscheinbarer daher. Aber trifft zielsicher. Eine Minute vierzig ästhetischer Psychoterror.

Das Video gibt´s hier.

Rorschachwahnsinn :: Gnarles Barkley – Crazy (R: Robert Hales)

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Verrücktsein heißt: Sich in den Tintenklecksbildern, die Freud als Rorschachtest berühmt gemacht hat, ständig selbst singen sehen. So geschehen bei Gnarls Barkley, der ein herausragendes Video zwischen Animation und Fotographie, zwischen Selbstbezug und Assoziation und zwischen Eingängigkeit und dem Puls der Erzählung gebaut hat: Ein einziger, völlig durchgeknallter Rorschachtest entwickelt sich ständig neu. In jedem Einzelnen ist der singende Gnarls Barkley zu sehen. Und damit das Ganze nicht langweilig wird, entwickeln sich die Tintenklekse immer komplexer, werden belebter, referenzieren auf den gesungenen Text und bleiben doch, was sie sind: Von einer beinah ästhetischen Abstraktheit geleitete, außerordentlich kunstvolle, aber eben doch: schwarz-weiße Tinteklekse.

Das Video gibt´s hier.

Raben, Wüste und ein neues Image :: Madonna – Frozen (R: Chris Cunningham)

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You only see what your eyes want to see
How can life be what you want it to be
You´re frozen
When your heart´s not open.

Es war in der Wüste. Madonna hatte Chris Cunningham engagiert, einen weltbekannten Musikvideoregisseur. Und sie wollte etwas Pures, Warmes. Das ganze Set reist in die Wüste und erst dort wird klar: Das Wetter macht nicht mit. Das Licht ist anders als erwartet. Das Video kann nicht so werden, wie geplant. Vor Ort bittet Cunningham um freie Hand und Madonna gewährt. Das Ergebnis findet Cunningham gut, aber Madonna lehnt eine Veröffentlichung ab. Das sei nicht ihr Image, das sei nicht sie, das passe nicht zur ihr. Das ganze Video sei ein Reinfall gewesen. Nur mit viel Geduld kann sie überredet werden, den Clip doch noch freizugeben.

Natürlich ist die Pointe: Der Film schlägt ein wie eine Bombe. Er verhilft Madonna zum neuen Image, ihre CD Verkäufe explodieren, das Video wird Clip des Jahres bei MTV – das ist eine der wichtigsten Auszeichnungen der Szene. Im Nachhinein halten viele das Video für das gelungendste, was Madonna je hat produzieren lassen.

Das Video ist düster, mystisch, arbeitet kaum mit Farben, fokussiert sich auf Schatten von schwarz und ocker. Schwarze Tücher schleichen von allein durch Wüstensand, schwarze Vögel erheben sich in die dunkle Luft, ein schwarzer Hund rennt auf brüchigem Boden, Wolken rasen über den Himmel und tauchen im Zeitraffer den Tag in das Schwarz der Nacht. Das ist Cunningham in einer ungewohnt poetischen Weise und für Madonna wirklich neues Terrain. Den ganze Clip hält eine tiefe, düsterblaue Ruhe zusammen, die der schwarzgewandeten Protagonistin Madonna eine morbide Mystik gibt. Ein Video auf dem Grad zwischen sinnlich-dunkler Ästhetik und surrealen Traumbildern, die der Härte von Wüstenboden und Schwarztönen eine Weichheit geben, welche Cunningham selten erreicht. Aus dieser Spannung zieht der Clip seine ästhetische Qualität.

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von den Grenzen visueller Wirklichkeit :: eine Adidas Werbung von Spike Jonze

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Ein Mann steht auf und alles ist schwarz – so lange er es nicht berührt. Mit seiner Präsenz schafft er Wirklichkeit, dort wo er grade ist. Und seine Fantasie setzt die Grenzen.

Eine grandios surreale Bildwelt in eineinhalb Minuten. Anschauen.

(Videosuche rechts oben: Suche nach jonze adidas)

Kubrick´s Shining und der Wahnsinn eines Hotelflurs :: Massive Attack – Karmacoma (R: Jonathan Glazer)

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Ein grandioses Video von Jonathan Glazer, der längst als einer der großen Musikvideoregisseure gilt: Er hat zum monolog-beunruhigenden Triphop-Song von Massive Attack (die hier von Tricky unterstützt werden) eine kongeniale Bildwelt kreiiert: Ein Hotelflur und ein Killer und das, was in etlichen Zimmern passiert. Der Clip läuft knappe zwanzig Sekunden und es ist schon alles Wichtige gesagt: Totale des Hotelflurs, Gesicht des Opfers, Detail der Schuhputzmaschine, die ein Hauptsymbol des ganzen Clips wird und dann eine mutige Fischauge-Nahe des Killers. So schnell geht es weiter: Ein Duzend Bildwelten werden angeschnitten, losgelassen, wiederaufgegriffen, narrativ weitergesponnen, mit den anderen verzahnt. Der rote Faden bleibt der Killer und sein Opfer. Nein. Eigentlich ist der Protagonist der Hotelflur. Und wenn man sich die Lichtreflexe in der ersten Einstellung anschaut, wird klar, dass dieser Flur nicht nur belebt ist, sondern alle damit verbundenen längst in seinen Bann gezogen hat. Die surrealen Bilder sind zu ideenreich und perfekt choreographiert, um sie hier zu erzählen. Aber der Flur bringt uns auf eine andere Fährte.
Eine Idee?
Klar: Der ganze Clip ist ein surreales Zitat auf Shining, einem Thriller, der 1980 ziemlich für Wirbel gesorgt hat, weil Kubrick damit mal wieder neue Maßstäbe gesetzt hat: So sorgen Charakterdarsteller Jack Nicholson als Hauptperson und die spätere Kubrick-Frau Shelley Duvall sorgen mit dem Drehbuch von Stephen King für ein neues künstlerisches Niveau. Zusammen mit Kubricks Perfektionismus (einige Szenen werden über 100 Mal wiederholt) entstand ein Film, der bald zum Symbol eines Genres geworden ist. Aber zurück: Was hat das alles mit Jonathan Glazer zu tun?
Jonathan Glazer rekurriert auf diese Symbole, die Kubrick durch seinen Ehrgeiz geschaffen hat: Die Kamerafahrt mit der Steadycam durch den Hotelflur, die zwei Zwillinge, das Schreiben des einen Wortes auf der Schreibmaschine, die surreale Symbolwelt, die den Wahnsinn visualisiert und – natürlich – die Idee des Hotels, der Ursache des Ganzen, das in der Verbindung aus Fremdheit und Heimatversprechen die Macht über seine Bewohner gewinnt und sie in den Wahnsinn treibt.

Das Musikvideo für Massive Attack ist also eine Ehrung von Kubricks Shining. Die Referenz auf einen Klassiker der Filmkultur ist zwar in Musikvideos selten (und kaum je so adäquat umgesetzt), aber doch nur ein Beispiel dafür, wie hervorragend Glazer es versteht, diverse Aspekte gleichberechtigt umzusetzen, ohne andere zu vernachlässigen: Eine innovative narrative Struktur mit schnittechnischen Meisterstücken und der Fokus auf die Musik zum Beispiel. Oder die intellektuell-symbolhafte Sprache und gleichzeitig genug Plot, um jeden zu erreichen. Oder: starke, klare Einzelbilder und das Beibehalten jener künstlerischen Spannung, die auch eine Antwortlosigkeit einschließt. Kurz: Man kann es kaum besser machen, wenn man alle zufriedenstellen will.