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Artikel in der Kategorie 'Farbe'

please wait – your dream is loading

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Der Traum on demand, das kann nur schiefgehen, denkt man. Leonardo Solaas hat 2005 eine Maschine entwickelt, die Träume auf Bestellung ausliefert. Was sie dafür braucht, ist das Thema des Traums in Form mehrerer Schlagworte. Und was sie liefert, ist wirklich beeindruckend: Das System sucht Bilder, die zu den Schlagworten passen und verortet diese in einen visuell-assoziativen Raum, indem Farben und Formen in tausenden von kleinen Linien verfremdet werden. Was entsteht sind langsam sich konkretisierende Bilder zwischen Farbklecksen, der Ästhetik der Geometrie und archetypischen Elementen eben jener Bilder, die durch die Art der Darstellung einen ganz eigenen Sog entwickeln: dreamlines ist der Versuch, dem Internet seine Definiertheit zu nehmen. Der Konkretion der digitalen Information das Nebulöse des Gedankens zurückzugeben, inmitten gestochen scharfer Fotos, die genau vorgeben, was sich denken lassen soll, den Raum für die Assoziation neu zu definieren. In diesem Sinn ist das Projekt dreamlines ein Paradigmenwechsel: War das Internet bzw. digitale Informationsrepräsentation insgesamt seit jeher gekennzeichnet durch stetig zunehmende Klarheit, Fehlerfreiheit – im ästhetischen Sinn: Perfektion des Abbilds – so wird hier deutlich, dass eine Antithese der ästhetischen Entwicklung ansteht, die Wiederentdeckung des schemenhaften, der Phantasie, der Freiheit einer Form. Dass diese Rückbesinnung kein Rückschritt ist, zeigt der interaktive und bewegte Charakter der Installation: Was Leonardo Solaas hier vorlegt ist kein schemenhaftes Bild, sondern der einem digitalen Zeitalter angemessene Mechanismus, mit dem bestehende Information zu einem solchen zusammengefügt wird. Dreamlines ist genuin digital und schafft einen interaktiven Raum assoziativer Bildlichkeit, der hochtechnisch umgesetzt wird. Und auf eine eigentlich poetische Weise, spannt diese Installation im Mediendiskurs ganz neue Bedeutungsebenen auf. Wie Leonardo Solaas selbst schreibt:

Who is dreaming? The user, or the Internet itself? In a certain way, both.

Schnecken, Schriften, Erektionen :: ein Chaosfilm von Petra Mrzyk und Jean-François Moricea

von David Schubert. Lust auf mehr? Schauen Sie in die Kategorien Animation, Assoziatives-Surreales, Bewegtes, Farbe, Form, Narration, Raum, Soziales, Verweise auf Kunst, Verweise auf Typographie, Videokunst, alle Posts, andere Musikvideoregisseure, beste Posts, digitale Welten

Ein Flug durchs Weltall, an Millionen schwereloser Schnecken vorbei. Und kontrastrierend eingeblendet: eine der verdrehtesten und genialsten Typographieanimationen, die man in gegenwärtiger Musikvideokunst findet. Ja, excuse moi von Petra Mrzyk und Jean-François Moricea ist ein wirklich besonderes Video. Über das Thema des Liedes informiert sich am besten jeder selbst, aber die Ästhetik soll hier kurz aufgegriffen werden: Mrzyk und Moricea bauen aus rund 5000 typographischen Einzelarbeiten von Philippe Katerine eine Homage an die Schrift, die sich gewaschen hat. Selten so gut und kreativ animierte Typographie gesehen. Selten so fluide Typen, so passend zum Charakter der Musik, so ganz eigenständig und irgendwo zwischen High-Tech und handgemacht. Das visuelle Karussell wird begleitet von einer Musik zwischen richtig schlechtem Techno und Teenie-Pop. Und zwischen der eigentlich geschmacklosen Musik, einige tausend Schnecken, Raumschiff Enterprise und bonbonbunten Schriftgemälden findet sich wohl irgendwo die Wahrheit dieses Liedes. Vielleicht diese: Es gibt sie nicht. In einer imaginierten Welt, in der jedes Element Retorte ist und seinerseits soviel Raum im Ganzen beansprucht, dass das so geschaffene Universum nur deshalb nicht in seine Einzelteile zerberstet, weil sie die jeweils dominanten Elemente gegenseitig wegdrängen und damit im Bild stabilisieren. Es entsteht ein zusammenhangloses Bild der Ungetüme, eine Komposition der Größe im Trash, ein Werk inmitten von Pop, Porno und Videokunst. Und in diesem egozentrischen Assoziationsgewitter, so klingt es, ist es eigentlich egal, worauf man sich bezieht. Und genau darin liegt wieder eine künstlerische Wahrheit. Vielleicht eine, die näher an der Gegenwart liegt, als irgendeine sonst.

[Petra Mrzyk, Jean-François Moricea, Typographie, Animation, digital art, Medienkunst, Chaos, Schnecken, Erektion[/tags]

Marsellus Wallace wahres Gesicht :: Pulp Fiction Dialoge als Typographie-Kunst

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Was man mit Buchstaben anstellen kann, hat schon Antoine Bardout-Jaques für Alex Gopher´s “the Child” gezeigt. Der neue Geniestreich kommt von Jaratt Moody und ist die Visualisierung eines Pulp Fiction Dialogs: Samuel L. Jackson macht im Auftrag seines Chefs, des Supergangsters Marsellus Wallace, einen Typen fertig und schießt im ins Knie. Die Szene dazu ist Kult, ziemlich brutal und einer der Gründe dafür, dass Quentin Tarrantino mit dem Film weltbekannt geworden ist. Ein cleverer Typograph hat jetzt diese Sequenz in bewegten Buchstaben visualisiert. Das ist viel interessanter, als es klingt. Denn anders als in “the child” werden die Buchstaben nicht als visuelle Symbole benutzt, sondern sind emotionale Träger, obwohl sie auf ihre rudimentär Typographischen Charakteristika beschränkt bleiben (Größe, Neigung, Schriftart, etc.). Und in dieser Reduktion auf die vermeintlich formalistische Sprache der Typographie wird die ganze Wirkkraft der Worte deutlich, die ganze Mehrinformation des Ausdrucks. Entkernt vom Bild wird die Szene in eine Schriftebene zurückkatapultiert, ohne jedoch die szenischen Eigenschaften aufzugeben. Und damit findet das Werk neben der inhärenten Ästhetik eine neue Aussagekraft: Es steht als Kunstwerk genau an der Schwelle von Schrift mit ihren abstrakten Symbolen und Film mit seinen dynamischen, unmittelbaren Codes. Und noch mehr: Es verbindet beide Ebenen kongenial, in dem es das Potenzial der bewegten Schrift zeigt, ohne die ureigensten Beschränkungen der Schrift aufzugeben. Damit steht das Pulp-Fiction-Kunstwerk zwischen den Welten von Schrift und Film, trennt und verbindet gleichermaßen. Und dass ist wirklich einen Blick wert.

Ansehen!
Es gibt von dem Film auch eine Low-Res-Version auf ifilm. Schaut´s Euch an.

[tags]Marsellus Wallace, Pulp Fiction, Typographie, digital art, animation art, Typographiekunst[/tags]

das Innere nach Außen :: Influences (R: Phil)

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Dreißig Personen, die sein Leben beeinflusst haben, malt dieser Mann sich selbst auf Bauch und Brust. Dass das technisch ganz gut aussieht, ist Nebensache. Interessanter: Dass dieser Phil mit seiner Geste eine Metapher der Moderne schafft. Indem er dem ein Bild gibt, was in seiner Biographie verborgen liegt, treibt er die Visualisierung auf die Spitze: Das, was er auf seinen Bauch malt, ist er. Das ist symbolhaft, einfach, genial auf den Punkt gebracht. Obwohl, halt, nur er weiß, was er damit verbindet. Wir Zuschauer bleiben allein mit den Bildern uns unbekannter Personen, die zwar schön bunt sind, aber dem Wesen von Phils Biographie sind wir damit keinen Schritt näher. Und darin liegt das Subtile, dass aus dem Video auch aus einer mehr als technischen Sicht Kunst macht: Indem es uns damit überrascht, dass die verstanden geglaubte Visualisierung nur leeres Symbol ist, verweist die Metapher auf etwas, das zu oft verloren gegangen ist – das Wissen darum, dass visuelle Symbole von ihrem Grundcharakter begrenzt sind.

// “Influences” sehen

[tags]YouTube, YouTube Kunst, Medienkunst, modern digital art, digital art, malen, bodypainting, Zeitraffer[/tags]

Motomichi Nakamura :: der Ikonograph unter den Musikvideomachern

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Motomichi Nakamura ist ein Genie. Seine Musikvideos gehören zu den hypnotischsten Stücken Videokunst. Seine Bildsprache ist so begrenzt – auf die Farben weiß, grau, schwarz und rot und die einfachsten geometrischen Formen – und so vielfältig in ihrer Originalität und vielschichtig in ihren Zusammenhängen, dass man seine Videos einfach kennen sollte. Keiner ist wie er. Und irgendwie ist das auch gut so, obwohl er herausragend gute Clips macht.

I believe that there are always two sides to everything like “light” and “shadow” and “good” and “evil”. When I create characters I try to reflect that idea to them.
(Interview: s. unten)

Knife- We Share Our Mothers Health
Eine Atari-inspirierte Welt in rot, grau und schwarz. Auch der Sound klingt nach 80er Computerderivaten. Die Grobheit der äußeren Ästhetik wird nur noch durch die Ikonographie übertroffen: Krasse abstrakte ikonographische Formen mit Motiven von Krieg und Menschsein, Operationsbesteck und schreienden Mündern, roboterhaft animiert, aber hypnotisch in ihrer Dynamik. Selten hat man ein so verstörendes Video mit so klarer Bildsprache gesehen. Schwarze Ovale auf grauem Grund werden zu Blumen und zu Raketen. Rote Tropfen wirken wie Blut und schwarz wirken sie wie Bomben. Kreise sind mal Köpfe, mal Bomben, mal Minen. Raketen werden zu stilisierten Vögeln, diese zu Bombenfliegern und die dann wieder zu Menschen, die anfangen zu singen, sobald sie von einem der roten Kreise getroffen werden. So werden Welten ineinander verwoben, deren inhaltliche Kohärenz peripher zu sein schien. So wird aus den unterschiedlichen Systemen doch wieder die eine Welt, die als Phrase des Friedens mit Drittweltländern in Erinnerung ist und hier doch meint: Die eine Welt, in der alles auf Krieg hinausläuft. Die in jedem ihrer Systeme Wege konzeptioniert hat zu Entfremdung und Gewalt. Bei der ein Apfel zur Bombe wird und die Spritze des Arztes zum Bombenflieger. Das klingt alles sehr grob und das ist es nicht: Hinter der auf den ersten Blick einseitigen Bildsprache entwickeln sich nach mehrmaligem Schauen neue Ebenen und Schlüssel zum Verstehen. Der eigentümliche Sog der Bilder tut sein übriges, um die kongenial zur ambivalent nervig-inspirierenden Musik variierten Symbole so miteinander zu vernetzen, dass echte Kunst entsteht. Kunst, die in ihrer Aussage ihre eigene, zu eindeutige Bildlichkeit transzendiert. Und wird, was sie war: Eine Geschichte von Ikonographien über Krieg und Menschsein.

Otto von Schirach – Laptops und Martinis
Nicht viel Neues zu sagen. Zu sehen schon: Abermals herausragend komponierte, symbolhafte Meisterwerke animierter Geometrie. Wieder das Spiel mit den Farben rot, schwarz und weiß und deren Bedeutung. Assoziationen an Gewalt, Verkehr, Blutstropfen, Maschinengewehre, Monster und die Verlorenheit des Einzelnen in der geometrischen Idee. Verstörend, verdreht, verquer. Wie ein Fiebertraum zwischen, ja, genau: Laptops und Martinis.

// Interview mit dem Ausnahmeregisseur Motomichi Nakamura

Im Reich der Reproduzierbarkeit :: Hot Chip – Over and Over (R: Nima Nourizadeh)

von René Büttner. Lust auf mehr? Schauen Sie in die Kategorien Assoziatives-Surreales, Bewegtes, Farbe, Form, Soziales, Videokunst, alle Posts, andere Musikvideoregisseure, beste Posts, digitale Welten

Einen Augenblick im Bild ist ein urwüchsiges Fachwerkhaus, aus den Lautsprechern tönt das monotone Gebimmel eines Windspiels. Realität mit Struktur. Dann der Blick in einen Raum, der den statischen Bildaufbau mit vollkommen anderen Inhalten wiedergibt. Kaum gesehen, gerät die Kontur in Bewegung, wir vergessen das Haus sofort und fahren mit der Kamera durch einen froschgrünen, auf beklemmde weise leeren, unwirklichen Raum. Eine virtuelle Welt? Strukturen, aber keine Realität. Da taucht eine Bühne auf, mit Menschen aus Fleisch und Blut, es sind die Jungs von HOT CHIP, die sichtlich gelassen angesichts der rätselhaften Umgebung, ihren Hit « Over and over » rocken. Vor und hinter ihnen grüne Froschmänner, konturlos vor der grünen Auskleidung des Raumes, hierdurch seltsam körperlos. Doch genau deshalb keine Fremdkörper, angepasst an die Gegebenheiten dieser Umwelt. Sichtlich in ihrem Element tanzen sie den körperlichen Menschen Bewegungen vor, die eigentlich, ob der Körperlosigkeit ihres Mediums, nur Ideen von Bewegungen sind. Doch unter dem hypnostischen Rhythmus der Musik, dem over and over des Upbeats, müssen diese Bewegungen nachgemacht, nachgetanzt werden, immer und immer wieder. Die Froschmänner sind in ihrem Element, sie sind, dank ihrer Eigenschaft als bloße Ideen, die Herren des virtuellen Raumes. Sie werden immer dreister, lassen die Menschen bei aus dem Kontext genommenen Bewegungsabläufen unbeholfen aussehen, manipulieren deren Gestik immer offensichtlicher. Doch wie « echt » sind ihrerseits die Menschen? Der Sänger trägt ein T-Shirt mit dem Aufdruck eines Skeletts, wie um zu sagen: ich habe einen Bauplan, auch ich bin nur eine Idee. Ein kleines Häufchen von Fans steht vor der Bühne. Da taucht es direkt daneben noch einmal auf. Und noch einmal. Die kleine Gruppe fängt an, den Platz vor der Bühne gut zu füllen. Es zählt nur die Idee des Fans, sein Quellcode, die Realisierung und Multiplizierung ist im virtuellen Raum kein Problem. Es ist die Übermacht des Konzepts, die in diesem Video die fassbare Welt Purzelbäume schießen lässt. Es sind nicht Menschen, die Ideen haben, sondern es sind die Ideen, die sich der Menschen bemächtigen, sie marschieren lassen « like a monkey with a miniatur cymbal ». Die Idee, beheimatet in einer elektronischen Datenwelt, findet hier, so wie in Cunninghams « Monkey Drummer » (siehe unten), eine beliebige gegenständliche Realisierung, unwirklich und albtraumhaft. Geniales Konzept.

wegweisende HipHop Musikvideos :: Auseinandersetzungen mit Beats, Bargeld und Brüsten

von David Schubert. Lust auf mehr? Schauen Sie in die Kategorien Bewegtes, Farbe, Form, Tanz, Videokunst, alle Posts, andere Musikvideoregisseure, digitale Welten, selbstreferentiell

Das Hip-Hop-Video hat seit Jahren eine sehr spezifische Bildsprache etabliert, die wir hier mal an besonders gelungenen und besonders rebellischen Musikvideos in den Fokus rücken möchten.

Fangen wir an bei der Ästhetik (und damit meine ich jetzt nicht Brüste und Status): Schon bei Justin Timberlakes Mainstream-Video “My Love” wird klar, wie gut die Choreographien des Hip-Hop-Tanzes aussehen können. Und wenn man sich danach “Work it Remix” von Missy Elliott anschaut sieht man, was man mit Kreativität daraus machen kann. Missy Elliott gilt als Referenz der Hop-Hop-Szene, was die Musikvideos angeht: Nie ganz daneben und oft Maßstäbe setzend in Bildidee, Konzeption und Choreographie. Das klingt wie Björk? Nicht ganz verkehrt. Denn obwohl das Hip-Hop-Genre künstlerisch beengt ist, geht Missy Elliott an die Grenzen. Beispiele? “Get Ur Freak On”, “Supa Dupa Fly” oder “lose control”. – Alles Ausnahmevideos mit Missy in Hochform.

Aber kommen wir zu dem, was Hip-Hop-Videos immer auch waren: Sex und Status. Der Musikredakteur von Viva hat mir mal gesagt:

“Hip-Hop-Videos erkennt man im Moment daran, dass irgendwann ein Helikopter auftaucht.”

Das war zu Hochzeiten der Goldketten und Rolexuhren, schwarzen Limusinen und quasi-nackten Hübschchen in den Musikvideos der großen Rapper. Der Hedonismus der Neunziger fand im street-credibility-credo der Hip-Hopper eine neue Spitze: Als die Musik irgendwann mal aus den Armenvierteln emporgewachsen war (und diverse ex-Außenseiter ihren Aufstieg gegenüber den Daheimgebliebenen am glaubwürdigsten mit teuren Uhren, großen Autos und schönen Frauen inszenieren konnten) galt das völlig maßlose Statusdenken als Beweis der Kraft des Willens der Straße und irgendwie schien eine Zeit lang nur der Hip-Hopper, der den Wert eines Kleinwagens als Schmuck am Körper trug, überhaupt mit Fug und Recht behaupten zu dürfen, er käme aus einem Ghetto (was wiederum seine Plattenverkäufe anzuheben in der Lage war). Das Verhältnis des Rappers zum Besitz war in dieser Zeit ambivalent.

Die Standardfilmchen mit Hubschraubern und teuren Wagen möchte ich vorenthalten. Zumindest direkt zu einem Künstler kommen, der mit diesen Symbolen spielt wie kein zweiter: 50 Cent im Video “P.I.M.P.”. (Videosuche rechts oben) Die Geschichte des Mannes liest sich wie die Musterbiographie eines Hip-Hoppers und wimmelt von Gewalttaten, ärmlichen Verhältnissen, Verwicklungen ins Drogenmilieu und Härten des Lebens. Eminem und Dr. Dre, zwei Urgesteine der Szene, haben dem Jungen endlich zu eigenen CDs verholfen, von denen eine – wie passend – “Get rich or die tryin´” heißt. Das ganze wäre nicht erwähnenswert, würde 50 cent in seinem Video zu P.I.M.P. nicht das ganze Hip-Hop-Selbstverständnis, dem er selbst so nahe steht, lachenden Gesichts an die Wand persiflieren (und das mit Komplizenschaft von den zwei ganz Großen – Snopp Dogg und G-Unit): Eine riesige Villa, alles in weiß, ein Ölbild des schwarzen Rappers im Stil weißer Kolonialherren über dem Kamin, ein duzend Frauen in weißer Unterwäsche und der herrische Gang von 50 Cent durch das Anwesen, das wirklich nichts anderes aussagt, als den Kontostand des Besitzers. Die Absurdität erreicht einen Höhepunkt im Kongress der “Pimp Legion of doom”: Ein Raum mit den größten Rappern der Zeit, die mafiamäßig um 50 Cent herumsitzen, um zu erfahren, ob dieser wirklich ein “Pimp” ist.

“He doesn´t drive a cadillac. (Ablehnung) He doesn´t got a perm. (Kopfschütteln). Why should we put him in the Pimp Legion of Doom?”

“But I got the magic stick.”

Soweit ich weiß hat sich keiner der großen Rapper derart selbstironisch mit der Rolle des modernen Hip-Hop-Videos auseinandergesetzt.

Weird Al Yankovic’s hat in seinem White&Nerdy Clip diesen HipHop-Hedonismus in eine nette Bildsatire gepackt und – damit sind wir entgültig beim Bruch der goldenen Hip-Hop-Regeln – der Hamburger Rapper Jan Delay zelebriert die Distanz vom Busen-und-Status-Hip-Hop in etlichen seiner schrägen Texte: In “klar” lässt er sich von Frauen in Showglamour-Klamotten souflieren und trägt einen Smoking, während er mit einem Bagger das Haus einreisst, in dem er singt. Und in “Ich möchte nicht, dass ihr meine Lieder singt” liefert er eine Abrechnung mit der Hip-Hop-Hörerschaft, die noch etwas weiter geht. Aufgenommen auf dem Kölner Karnevalszug (Jan Delay ist als Palästinenser verkleidet und spielt Flöte auf einem Maschinengewehr mitten im Gedränge). Daraus:

Ich möchte mich nicht in Köpfen befinden zusammen Gedanken,
die unter Einfluss vom Axel-Springer-Verlag entstanden.
In den ganzen verstrahlten Hirnen wär ich gern abhanden,
denn vor allem, können die Babylonier nicht klatschen und tanzen.

Dem ist in Anbetracht von bekannten wie bekloppten Videos á la “put ´em on a glass” von Sir Mix a Lot wohl nichts hinzuzufügen. Und wirklich kreative Versuche wie der von Michel Gondry für Kanye West (“Heard ´em say”) werden vermutlich nie Mainstream werden..

gute trashige Musikvideos :: vom Stil hinter dem schrägen Bild

von David Schubert. Lust auf mehr? Schauen Sie in die Kategorien Bewegtes, Farbe, Form, Michel Gondry, Spike Jonze, Videokunst, alle Posts, andere Musikvideoregisseure, selbstreferentiell

Trash zum Kult zu machen sagt mehr über die Zeit aus, in der das passiert, als über die Kunst hinter der Musik. Darum geht es hier nicht. Hier geht es um Videos, die wie Trash daherkommen, aber auf zweiter Ebene tatsächlich künstlerischen Anspruch haben.
Bestes Beispiel: Hot Chip mit Over and Over. Herausragender Schrammel-Pop mit musischem Tiefgang und ein Video in grell-monotonem Grün mit hypnotischem Sog: Die Trash-Optik ist hier nur Oberfläche für eine gewitzte Auseinandersetzung mit Archetypen der Musik: Tanz, Bewegung, Konzert, Zuschauern. Gegen Ende wird klar, dass das Setting des Videos ein Brennglas wird für die Manipuliertheit des Mediums Musik. Wie weit das ironisch gemeint ist, bleibt offen. Und diese analytische Sichtweise auf das plump inszenierte Bild spiegelt kongenial den Kontrast zwischen hopsenden Musikern und hochprofessionell instrumentierter Musik. Ein großes Video – und nicht umsonst von ifilm zu den Musikvideos des Jahres gewählt.
Ein Video, das mehr als jedes andere für das künstlerische Potenzial von Trash gelten kann, ist hier schon besprochen worden: Fatboy Slim – Praise you, eine 300$ Produktion (das meiste ging für das Catering drauf) der Musikvideokoryphäe Spike Jonze. Mehr über die Hintergründe im Artikel zum Video bei bittekunst.de.

Neben Fatboy Slim gehört dann unter die ganz bekannten Trash-Clips auch das Daft Punk Video zu “Around the World”: Das hat der zweite unter den großen Musikvideoregisseuren gedreht: Michel Gondry. Und hier kommt er auf den ersten Blick ungewohnt träge daher: Eine Choreographie auf engem Raum, allzu vorhersehrbar, in 60er Jahre optik eingekleidet und beleuchtet. Auf den zweiten Blick erkennt man, dass jedes der Quartette einer Tonspur der Musik zuzuordnen ist und die Interaktionen der Gruppen denen der musischen Spuren entsprechen. Die Vorhersehbarkeit der Choreographie entspricht der Monotonie der Tonspuren, entwickelt aber zusammen mit dieser eine fast tranceartige Konzentration auf das Spiel der unterschiedlichen Elemente und deren dynamische Verbindung. Dazu passt, dass das ganze Video in einer Jukebox spielt, wie am Ende klar wird: Die Tänzer sind die Töne, die auf einer Schallplatte tanzen. (Videosuche rechts oben)

Beide Videos, “Praise You” von Fatbox Slim und “Around the world” von Daft Punk, haben übrigens den MTV Award zum Video des Jahres gewonnen.

Noch ein viertes Video zum Abschluss: OK Go mit “Here it goes again”. Ein äußerst cleverer Videoclip mit acht Laufbändern. Das Setting entnüchtert: Alles aus einer Perspektive, monotone Beleuchtung, kein Schnitt im ganzen Video und im Hintergrund des kahlen Raumes, in den die Kamera stiert, eine silberne Plastikplane. Keine Deko außer acht Laufbändern und vier Bandmitgliedern. Aber die Choreographie, die diese vier Leute auf den Laufbändern aufführen, ist einen zweiten Blick wert. Das Video findet sich hier.

Soweit meine Favoriten an hintergründig guten Trash-Videos. Ist was nicht dabei? Schreibt´s in den Kommentar.

Raben, Wüste und ein neues Image :: Madonna – Frozen (R: Chris Cunningham)

von David Schubert. Lust auf mehr? Schauen Sie in die Kategorien Assoziatives-Surreales, Bewegtes, Chris Cunningham, Farbe, Natur, Raum, Videokunst, alle Posts, beste Posts

You only see what your eyes want to see
How can life be what you want it to be
You´re frozen
When your heart´s not open.

Es war in der Wüste. Madonna hatte Chris Cunningham engagiert, einen weltbekannten Musikvideoregisseur. Und sie wollte etwas Pures, Warmes. Das ganze Set reist in die Wüste und erst dort wird klar: Das Wetter macht nicht mit. Das Licht ist anders als erwartet. Das Video kann nicht so werden, wie geplant. Vor Ort bittet Cunningham um freie Hand und Madonna gewährt. Das Ergebnis findet Cunningham gut, aber Madonna lehnt eine Veröffentlichung ab. Das sei nicht ihr Image, das sei nicht sie, das passe nicht zur ihr. Das ganze Video sei ein Reinfall gewesen. Nur mit viel Geduld kann sie überredet werden, den Clip doch noch freizugeben.

Natürlich ist die Pointe: Der Film schlägt ein wie eine Bombe. Er verhilft Madonna zum neuen Image, ihre CD Verkäufe explodieren, das Video wird Clip des Jahres bei MTV – das ist eine der wichtigsten Auszeichnungen der Szene. Im Nachhinein halten viele das Video für das gelungendste, was Madonna je hat produzieren lassen.

Das Video ist düster, mystisch, arbeitet kaum mit Farben, fokussiert sich auf Schatten von schwarz und ocker. Schwarze Tücher schleichen von allein durch Wüstensand, schwarze Vögel erheben sich in die dunkle Luft, ein schwarzer Hund rennt auf brüchigem Boden, Wolken rasen über den Himmel und tauchen im Zeitraffer den Tag in das Schwarz der Nacht. Das ist Cunningham in einer ungewohnt poetischen Weise und für Madonna wirklich neues Terrain. Den ganze Clip hält eine tiefe, düsterblaue Ruhe zusammen, die der schwarzgewandeten Protagonistin Madonna eine morbide Mystik gibt. Ein Video auf dem Grad zwischen sinnlich-dunkler Ästhetik und surrealen Traumbildern, die der Härte von Wüstenboden und Schwarztönen eine Weichheit geben, welche Cunningham selten erreicht. Aus dieser Spannung zieht der Clip seine ästhetische Qualität.

(Musikvideosuche rechts oben)

Droogs, Style und die Kraft der reinen Farbe :: Blur – The universal (R: Jonathan Glazer)

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Dass Jonathan Glazer ein Fan von Stanley Kubrick ist, hat er schon mit dem Video für Massive Attack (Karmacoma) bewiesen. Jetzt geht es um Alex und seine Droogs, genauer: Uhrwerk Orange. Die Szenerie aus dem Kultfilm hat Glazer stellenweise genau kopiert, aber einen wesentlichen Aspekt ergänzt: Die Farben. Hatte Kubrick sein Akteure schon eher weiß gekleidet (D&G brachte Jahrzehnte später eine Modeserie in diesem Stil heraus), nimmt Glazer die Farbe als formendes Element und baut alles darauf aus: Die Musiker sind ganz in weiß getaucht, ebenso die Golfball-orientierten Riesenboxen, das Publikum ist schwarz, zwischendurch ein Roter:

How long have you been a red man
About fifteen years.

Die Farben sind die universale Chiffre im Lied The Universal, nur sind sie kontraintuitiv konnotiert: Schwarz ist nicht beherrscht, sondern schrankenlos und weiß ist nicht heilig, sondern infiltrierend diabolisch. Die Musiker sind es – wie in Kubricks Clockwork Orange die Droogs – die Gewalt und Leben in die Welt bringen.Und auf eine andere Art auch: Erhabene Ästheten in einer zugrundegerichteten Welt.