die Erfindung der digitalen Echtheit :: Chemical Brothers - Star Guitar (R: Michel Gondry)
Eine Bahnfahrt zur Musik der Chemical Brothers. Einige Leute meinen, das sei wenig einfallsreich.
Journalisten haben geschrieben, dass dieses Video das Innovativste sei, was Michel Gondry je gemacht hat - und das über Gondry zu sagen, heißt schon Einiges.
Also, wie passt beides zusammen?
(Videosuche rechts oben)
Es gibt da etwas, das vielen entgeht:
Das Video ist die perfekte Koherenz von Bild und Ton. Alles, was im Eisenbahnfenster auftaucht, jedes einzelne Objekt, entsteht analog zu einem Ton der Musik. Jeder Rhythmusspur des Elektrobeats ist eine visuelle Repräsentation zugeordnet, eine Häuserform, eine Gleisweiche, ein Fabrikgebäude. Jedes Wort, das der Chor zwischendurch singt, beginnt synchron mit dem Moment, in dem die Bahn an einem Mensch oder einer Menschengruppe vorbeifährt, die in einem Bahnhof steht. Änderungen des Halls laufen synchron mit Wechseln der Witterung oder der Tages-/Nachtzeit.
Es sind dutzende Motive, die allein durch die Musik variiert werden. Das ganze Video ist der Versuch, eine digitale Szenerie natürlich aussehen zu lassen. Zu Drehzeiten ein Vorhaben, das an die Grenzen des technisch möglichen ging. Die Idee hatte Gondry nicht zufällig bei der Musik der Chemical Brothers, die schon so heißen, weil sie in ihrer Musik alles Natürliche durch das Schroffe, Elektrische ersetzen. Gondry versucht, die Fassade der Künstlichkeit bis ins Natürliche hinein zu perfektionieren und damit auch ein Statement zu setzen zur Frage der Natur im digitalen Zeitalter.
In dem visuellen Symbol des Films - der Eisenbahn - kann man auch eine inhaltliche Metapher vermuten: Kein Vehikel ist mehr Zeichen für eine Ära, die als die Wiege der Naturunterwerfung des Menschen verstanden werden kann. Mit der Dampfeisenbahn kam das industrielle Zeitalter und damit der erste erfolgversprechende Versuch der technischen Unterwerfung der Welt. Sieht man Magnetschwebebahnen als das Moderne Pendant, so können beide verstanden werden als überschnelle Boten einer für Ihre Zeit überraschenden Form der Künstlichkeit. Damals war die Künstlichkeit überraschend in ihrem Ansinnen, das Verhältnis zur Natur zu beherrschen und die Natur selbst stückweise zu zerstören. Heute stehen wir in Gentechnik, digitalen Bildwelten und allgegenwärtiger Virtualisierung vor der zweiten Herausforderung der Künstlichkeit: Einer Künstlichkeit, die sich nicht mehr mit der Zerstörung zufriedengibt, sondern sie kopieren und verbessern will. Während die erste Künstlichkeit die Natur nur zerstörte, macht die zweite sie ununterscheidbar von dem, was sie selbst produziert. Und in diesem Gedanken liegt der eigentliche Kern der Symbolwelt von Gondrys “Star Guitar”.


















January 7th, 2007 at 3:42 pm
[…] Es ist etwas paradox: Die Visualisierung ist soweit Fortgeschritten, dass man surreal-komplexe Landschaften (Missy Eliott - get ur freak on) wie Abstrakte Schattenkunstwerke (Gnarles Barkley - Crazy) in Szene setzen kann. Alles eine Frage des Geldes. Da ist es fast schon wieder subversiv, sich um richtige Natur zu kümmern. Genauer gesagt: Die postmoderne digitale Revolution liegt in der Nachahmung der Natur bis zur Unkenntlichkeit. So geschehen bei Björk in Joga oder bei den Chemical Brothers in Star Guitar - beides von Michel Gondry. Auf die Musik übertragen heißt Natur: Die mechanischen Instrumente wieder in Szene zu setzen. Aber dabei den Schritt der digitalen Visualisierung nicht zu vergessen. Harmlose Versuche, die mehr technisch als poetisch sind, kommen von animusic (Videosuche rechts oben). Wirklich gut wird es wieder bei den Altmeistern: […]