Deutsche Nationalhymne 2015 – türkischer Pop macht Kultur

Deutsche Nationalhymne 2015 – MyVideoUnd so hört sie sich an: die deutsche Nationalhymne auf türkisch. Wer mitsingen will:

Birlik, adalet ve özgürlükAlman anavatanı içinHepbirlikte çalışalımKardeşçe kalben ve el eleBirlik adalet ve özgürlükMutluluğun teminatıBu mutluluğun ihtişamında yeşerYeşer Alman anavatanı 

Aber das ist nur die oberflächlichste Ebene eine Videos, das in ein paar Wochen tatsächlich Symbol werden könnte für etwas, das wir bisher Multikulti genannt haben. Wir meinten damit eine Mischung aus demonstrativer Toleranz, politischer Faktenbeschreibung oder Berliner Hippness, je nach Kontext. Aber wir hatten noch kein Symbol für den Begriff der multiethnischen Gemeinschaft. Alles blieb bisher merkwürdig abstrakt: Es ging um Einwanderung, Zuwanderung und Asylpolitik, Mindestlöhne, Vielfaltdiskurse und Gerechtigkeitsvorstellungen. Muslime sind medial vor allem dann präsent, wenn sich jemand an Kopftüchern und Moscheen stört oder “Gewaltsteigerungsraten” medienwirksam und unethisch mit “Migrationshintergrund” zusammenwürfelt. So richtig verstanden haben das eigentlich nicht, was das heißen soll, wenn diese Symbole wirklich zueinander finden: Heimat und ethnischer Pluralismus. Genau das macht das Video ziemlich geschickt: Die deutsche Nationalhymne remixed als türkischer Pop: Das assoziiert zwei parallel existente Fixpunkte unserer Gesellschaft, das intergriert das junge Türkentum in den vaterländischen Symbolismus. Das ist gleichsam reine Provokation und die sinnliche Erfahrung davon, was Multikulti faktisch heißt. Die Assoziation schafft Raum für Ungewohntes. Das Eigene blickt aus dem Fremden entgegen – wobei das Fremde im türkischen Pop wohl realitätsnäher getroffen ist als in Moscheen, Jugendgewalt oder Terroristen. Und auch die Deutschen erst hier mit etwas konfrontiert werden , was die Türken wohl Ehre nennen würden und das den Deutschen eher peinlich ist: Die Frage “Darf man das?” führt zum Kern unterdrückter Vaterlandsliebe. Und im Kontext faktischer Internationalisierung muss man sich fragen: Ja, warum denn nicht? Denn so kleinlaut sich das Deutsche eingestehen: Mit der Nationalhymne steht das ambivalenteste Symbol deutscher Alltagskultur im Fokus. Und letztendlich ist es auch die Alltagskultur, in der der eigentliche Prozess der Integration zu leisten ist und sich entscheidet: Fernab von Bürgerinitiativen, Chefredaktionen und Botschaften, irgendwo zwischen Dönerladen und Currywurst etablieren sie die Symbolkontexte, die Antwort geben können auf die Fragen nach Integration und Auseinandersetzung. Wenn in der Dönerbude “Nationalhymne 2015″ läuft und der Deutsche dem Türken auf die Schulter klopft, manifestiert sich das, was wir bisher Multikulti genannt haben. Soviel wahrer als Feuilletondiskurse und kaum weniger neuralgisch, als die das Lied zur Zeit begleitende Irritation.Politisch ist das Thema schon auf dem Tisch gewesen: Christian Ströbele hat 2006 den Vorschlag gemacht, dass “türkisch-stämmige Mitbürger die dritte Strophe auf türkisch singen könnten” und bekam ziemlich Gegenwind. Jetzt haben die Türken es selbst gemacht. Dass sie den politischen Segen bekommen, ist eher unwahrscheinlich. Aber Christian Ströbele wird sich freuen. Sofern er türkischen Pop mag.Grup Tekkan übrigens, die türkische Band aus Germersheim, hat mit dem Video nichts zu tun, wie der Manager nach Rückfrage mitteilte. Also bleiben die Macher unbekannt. Im Kontext der agressiven Kommentare anderer Nutzer, kann man das nachvollziehen. Das Stück spricht für sich.


2 Antworten to “Deutsche Nationalhymne 2015 – türkischer Pop macht Kultur”

  1. René Says:

    Ich habe das auch so aufgenommen: ernst, aber positiv!

  2. BUNDESPOPEL Says:

    Singe, wem Gesang gegeben. Gerne auch türkisch.

    Aber Radfahrer sollten auch immer auf den Verkehr achten. Achtung, Gegenverkehr wird stärker……

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