das Meisterwerk des Trash :: Fatboy Slim - Praise you (R: Spike Jonze)
Das Video gibt´s hier in der Musikvideothek von ifilm.com.
Eine Bilderbuchgeschichte: MTV hat das Video zunächst fast abgelehnt, es lange nur im Nachtprogramm laufen lassen. Irgendwann hat es sich rumgesprochen, MTV hat zähneknirschend klein beigegeben und das Video tagsüber laufen lassen. Und hat damit grade noch die Blamage vermieden, eines der künstlerisch wichtigsten Musikvideos seiner Zeit völlig zu ignorieren. Das Video erhielt 1999 den MTV Music Video Award und gilt bis heute in Kunstkreisen als eines der wegweisenden Musikvideos der 90er Jahre.
Das Ganze erinnert an den Madonna Clip Frozen, den Regiekollege Cunningham damals nur unter erheblichen Schwierigkeiten unterbringen konnte und der später zum Publikumskracher wurde und ebenfalls den MTV Preis für das beste Musikvideo erhielt. Kunst braucht manchmal Zeit.
Das Video wurde im Guerilla-Style ohne Drehgenehmigung gedreht: Spike Jonze selbst und einige Schauspieler tanzen vor überraschten Passanten vor einem Theater in Westwood in Kalifornien. Der entnervte Theaterbesitzer versucht mehrfach, ihre Audioanlage auszuschalten. Nimmt sie schließlich mit, Jonze und Konsorten holen Ersatz und tanzen weiter. Was sich genau hinter den Kulissen zugetragen hat, lässt sich im Bericht von Michael Gier nachlesen, einem der Tänzer.
So, warum ist das jetzt Kunst?Das Video ist weder ästhetisch oder inhaltlich besonders anspruchsvoll. Es rekurriert auf die Ästhetik des Amateurvideos, aber reicht das, um unt er die 100 wichtigsten Videos aus Musik, Kunst und Werbung kuratiert zu werden, wie das Praise You in einer Ausstellung in Düsseldorf 2005 zuteil wurde? Was ist das eigentlich interessante? Was wir hier sehen ist die Rückbeziehung der Kunst auf sich selbst. Zwei etablierte Künstler stecken hinter dem Projekt - Fatboy Slim gilt als einer der Begründer der massentauglichen elektronischen Musik, Spike Jonze mit Cunningham und Gondry als einer der drei einflussreichsten Musikvideoregisseure der Geschichte. Und in diesem Video setzen Sie der Musikvideokultur, überhaupt der Videokunst ihrer Zeit etwas entgegen, mit dem sie nicht gerechnet hat. Schon gar nicht von Produzenten, die das Geld und die Erfahrung hätten, es ganz anders zu machen. Das Video richtet sich gegen die Perfektionierung der Videokunst, gegen das glatte, wohlgeschnittene, entkernte, verkünstelte Bild, das in den 90ern Gang und gebe war. Jonze hat den Mut, sich wirklich auf das Sujet zurückzubeziehen: Das Musikvideo als Visualisierung von Musik ist am pursten im Tanz. Die Rebellion, die gemeinsam mit dem rituellen Habitus damit verknüpft ist, kommt hier fokussiert zum Ausdruck. Der Verzicht auf Drehbuch, Technik und Plot zugunsten von Laientum und improvisiertem Tanz einer scheinbaren Laiengruppe, die Einbeziehung von Eingriffen der unbeteiligten Passanten in den Endschnitt, all das bringt dem Musikvideo eine visuelle Authentizität zurück, die es in den 90ern fast verloren hatte. Das erinnert an den Aufbruch der Kunst durch die Performance. Hier wie dort wird das Leben in die Kunst zurückgeholt. Aber das Video geht weiter: Es ist nicht nur intellektuell-künstlerische Auseinandersetzung, sondern auch Wurzelbewegung eines gesellschaftlichen Wir: Über kein Video wurde in seiner Zeit mehr gesprochen, kein Video wurde öfter zitiert. Der Habitus wurde zum Kult und das Video damit zum Meilenstein der Videoclips. Deswegen bekam es den MTV Award: Weil Jonze in der Lage war, mit dem Verzicht auf die Mittel seiner Zeit das Wesen des Musikvideos zu erneuern. Das ehrten die Zuschauer. Und dass die Videokunsteliten diese Idee ebenfalls preiswürdig fanden, das belegt einmal mehr, dass Kunst und Gesellschaft manchmal dieselben Ziele haben. Nur wissen sie das nicht immer.
Übrigens ist “Fatboy Slim” Norman Cook im Video zu sehen: Als einer der Passanten. Allerdings ist er weder sauer noch überrascht.
Er ist der Passant, der lacht.
Und für alle, die bis hier durchgedrungen sind: Ein weitgehend unbekanntes Video vom Dreh des “Praise You”-Clips. Der Tänzer ist übrigens Spike Jonze selbst.


















December 25th, 2006 at 9:51 pm
[…] Trash zum Kult zu machen sagt mehr über die Zeit aus, in der das passiert, als über die Kunst hinter der Musik. Darum geht es hier nicht. Hier geht es um Videos, die wie Trash daherkommen, aber auf zweiter Ebene tatsächlich künstlerischen Anspruch haben. Bestes Beispiel: Hot Chip mit Over and Over. Herausragender Schrammel-Pop mit musischem Tiefgang und ein Video in grell-monotonem Grün mit hypnotischem Sog: Die Trash-Optik ist hier nur Oberfläche für eine gewitzte Auseinandersetzung mit Archetypen der Musik: Tanz, Bewegung, Konzert, Zuschauern. Gegen Ende wird klar, dass das Setting des Videos ein Brennglas wird für die Manipuliertheit des Mediums Musik. Wie weit das ironisch gemeint ist, bleibt offen. Und diese analytische Sichtweise auf das plump inszenierte Bild spiegelt kongenial den Kontrast zwischen hopsenden Musikern und hochprofessionell instrumentierter Musik. Ein großes Video - und nicht umsonst von ifilm zu den Musikvideos des Jahres gewählt. Ein Video, das mehr als jedes andere für das künstlerische Potenzial von Trash gelten kann, ist hier schon besprochen worden: Fatboy Slim - Praise you, eine 300$ Produktion (das meiste ging für das Catering drauf) der Musikvideokoryphäe Spike Jonze. Mehr über die Hintergründe im Artikel zum Video bei bittekunst.de. […]
April 26th, 2009 at 11:10 am
[…] praise you von fatboy slim! das lied d