Im Reich der Reproduzierbarkeit :: Hot Chip – Over and Over (R: Nima Nourizadeh)

Einen Augenblick im Bild ist ein urwüchsiges Fachwerkhaus, aus den Lautsprechern tönt das monotone Gebimmel eines Windspiels. Realität mit Struktur. Dann der Blick in einen Raum, der den statischen Bildaufbau mit vollkommen anderen Inhalten wiedergibt. Kaum gesehen, gerät die Kontur in Bewegung, wir vergessen das Haus sofort und fahren mit der Kamera durch einen froschgrünen, auf beklemmde weise leeren, unwirklichen Raum. Eine virtuelle Welt? Strukturen, aber keine Realität. Da taucht eine Bühne auf, mit Menschen aus Fleisch und Blut, es sind die Jungs von HOT CHIP, die sichtlich gelassen angesichts der rätselhaften Umgebung, ihren Hit « Over and over » rocken. Vor und hinter ihnen grüne Froschmänner, konturlos vor der grünen Auskleidung des Raumes, hierdurch seltsam körperlos. Doch genau deshalb keine Fremdkörper, angepasst an die Gegebenheiten dieser Umwelt. Sichtlich in ihrem Element tanzen sie den körperlichen Menschen Bewegungen vor, die eigentlich, ob der Körperlosigkeit ihres Mediums, nur Ideen von Bewegungen sind. Doch unter dem hypnostischen Rhythmus der Musik, dem over and over des Upbeats, müssen diese Bewegungen nachgemacht, nachgetanzt werden, immer und immer wieder. Die Froschmänner sind in ihrem Element, sie sind, dank ihrer Eigenschaft als bloße Ideen, die Herren des virtuellen Raumes. Sie werden immer dreister, lassen die Menschen bei aus dem Kontext genommenen Bewegungsabläufen unbeholfen aussehen, manipulieren deren Gestik immer offensichtlicher. Doch wie « echt » sind ihrerseits die Menschen? Der Sänger trägt ein T-Shirt mit dem Aufdruck eines Skeletts, wie um zu sagen: ich habe einen Bauplan, auch ich bin nur eine Idee. Ein kleines Häufchen von Fans steht vor der Bühne. Da taucht es direkt daneben noch einmal auf. Und noch einmal. Die kleine Gruppe fängt an, den Platz vor der Bühne gut zu füllen. Es zählt nur die Idee des Fans, sein Quellcode, die Realisierung und Multiplizierung ist im virtuellen Raum kein Problem. Es ist die Übermacht des Konzepts, die in diesem Video die fassbare Welt Purzelbäume schießen lässt. Es sind nicht Menschen, die Ideen haben, sondern es sind die Ideen, die sich der Menschen bemächtigen, sie marschieren lassen « like a monkey with a miniatur cymbal ». Die Idee, beheimatet in einer elektronischen Datenwelt, findet hier, so wie in Cunninghams « Monkey Drummer » (siehe unten), eine beliebige gegenständliche Realisierung, unwirklich und albtraumhaft. Geniales Konzept.


2 Antworten to “Im Reich der Reproduzierbarkeit :: Hot Chip – Over and Over (R: Nima Nourizadeh)”

  1. bittekunst.de » Blog Archive » gute trashige Musikvideos :: vom Stil hinter dem schrägen Bild Says:

    [...] Trash zum Kult zu machen sagt mehr über die Zeit aus, in der das passiert, als über die Kunst hinter der Musik. Darum geht es hier nicht. Hier geht es um Videos, die wie Trash daherkommen, aber auf zweiter Ebene tatsächlich künstlerischen Anspruch haben. Bestes Beispiel: Hot Chip mit Over and Over. Herausragender Schrammel-Pop mit musischem Tiefgang und ein Video in grell-monotonem Grün mit hypnotischem Sog: Die Trash-Optik ist hier nur Oberfläche für eine gewitzte Auseinandersetzung mit Archetypen der Musik: Tanz, Bewegung, Konzert, Zuschauern. Gegen Ende wird klar, dass das Setting des Videos ein Brennglas wird für die Manipuliertheit des Mediums Musik. Wie weit das ironisch gemeint ist, bleibt offen. Und diese analytische Sichtweise auf das plump inszenierte Bild spiegelt kongenial den Kontrast zwischen hopsenden Musikern und hochprofessionell instrumentierter Musik. Ein großes Video – und nicht umsonst von ifilm zu den Musikvideos des Jahres gewählt. Ein Video, das mehr als jedes andere für das künstlerische Potenzial von Trash gelten kann, ist hier schon besprochen worden: Fatboy Slim – Praise you, eine 300$ Produktion (das meiste ging für das Catering drauf) der Musikvideokoryphäe Spike Jonze. Mehr über die Hintergründe im Artikel zum Video bei bittekunst.de. [...]

  2. ag | freigeist » Blog Archive » bittekunst.de hat einen Co-Autoren Says:

    [...] Das Inspirationsportal bittekunst.de hat einen Co-Autor dazugewonnen: René Büttner aus Brüssel, ein begnadeter Schreiber und Kunstfreund, wird in Zukunft seine Rezensionen und Inspirationen zu zeitgenössischer Netz- und Videokunst beisteuern. Einen Vorgeschmack gibt es in seinem Artikel über das Video Over and Over von Hot Chip. [...]

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