Liebe das Leben (R: Vika Jagucanskyte)

// den Film sehen

Gut, er kommt bescheiden daher, der Film, der das Glück erklären will. Er beginnt mit technisch unsauberen Schnappschüssen aus einer Stadt, die so wenig mit Glück assoziiert wird, wie Kohlekraftwerke oder Fabrikarbeit: Mannheim. Und fast unbemerkt zwirnt sich nach Sekunden aus den Bilderfäden ein Tau, das mitzieht, und die größere Idee fast unbemerkt etabliert: Die Allgegenwart des Glücks.
“Liebe das Leben” reiht Szenen wie Perlen auf die Schnur. Aber das wirkt nur zufällig. Denn dahinter komponiert die größere Idee die Bilder zur Musik. Ein Text von Hesse´s Siddahrta leitet an: Siddahrta, der später Buddha genannt werden sollte, durchfährt nach Jahren erfolgloser Askese, Völlerei und Meditation beim Übersetzen mit dem Fährmann die Erkenntnis, die der Anfangspunkt seiner Erleuchtung wird: Er erfährt das Ohm, die Einheit von allem.

Wenn er nicht auf das Leid noch auf das Lachen hört,
wenn er seine Seele nicht an irgendeine Stimme band
und mit seinem Ich in sie einging,
sondern alle hörte, das Ganze,
die Einheit vernahm,
dann bestand das große Lied der tausend Stimmen
aus einem einzigen Worte,
das hieß Ohm – die Vollendung

Und um diese Erleuchtung geht es dem Video. Zu groß? Nein. Es geht schon in Siddahrta um eine Erleutung, die – so groß sie auch klingt – im Erkennen des Größten im Alltäglichen besteht. Schon die Idee ist poetisch: Die absolute Größe, die Erleuchtung, das Erkennen der letzten Wahrheit, verlangt nicht etwas überirdisch Großes, sondern das Wahrnehmen dessen, was man die ganze Zeit wahrnimmt. Es geht um das, was schon der französische Film Amelie versuchte zu sagen: Das wahre Glück ist nicht größer, sondern kleiner. Es entsteht, wenn man die tausend Kleinigkeiten beachtet, die zu dem großen Glück beitragen.
“Liebe das Leben” ist das beeindruckende Debüt der Mannheimer Videokünstlerin Vika Jagucanskyte, die durch Interviews mit Freunden und Bekannten das Wesen des Glücks fassbar machen wollte. Kongenial unterstützt durch die Musik von Urs Gögler balanciert Jagucanskyte zwischen dem dokumentarischem Realismus der völlig unterschiedlichen Biographien und der so schwer greifbaren Poesie des Lebens, die diese Eckdaten in einen größeren Klang bringt. Dieser Poesie, die in einzelnen Momenten des Films kaum wahrnehmbar sichtbar wird, aber fühlbar das Größere ist, das den Rahmen um alle Szenen legt. Das ist so wahr und so gut eingefangen, dass nach einer Viertelstunde wirklich das Eine übrig bleibt: Ein inneres Wissen um die Allgegenwart des Glücks.

Das erinnert mich an eine Geschichte, von der gesagt wird, ein buddhistischer Meister habe sie einem Schüler erzählt, als dieser fragte, wo denn Gott zu finden sei.

Ein Fisch schwamm zu einem anderen Fisch und fragte erschöpft: “Sag mal, weißt Du, wo der Ozean ist? Ich suche schon die ganze Zeit.” “Der ist hier überall. Schau Dich doch um,” antwortete der zweite. “Nein, nein. Ich meine nicht das Wasser und die Algen und die Fische. Ich meine den Ozean,” meinte der erste Fisch mürrisch: “dann kannst Du mir wohl auch nicht helfen.” Und als er das gesagt hatte, schwamm er davon, um weiter zu suchen.


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