Kubrick´s Shining und der Wahnsinn eines Hotelflurs :: Massive Attack – Karmacoma (R: Jonathan Glazer)

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Ein grandioses Video von Jonathan Glazer, der längst als einer der großen Musikvideoregisseure gilt: Er hat zum monolog-beunruhigenden Triphop-Song von Massive Attack (die hier von Tricky unterstützt werden) eine kongeniale Bildwelt kreiiert: Ein Hotelflur und ein Killer und das, was in etlichen Zimmern passiert. Der Clip läuft knappe zwanzig Sekunden und es ist schon alles Wichtige gesagt: Totale des Hotelflurs, Gesicht des Opfers, Detail der Schuhputzmaschine, die ein Hauptsymbol des ganzen Clips wird und dann eine mutige Fischauge-Nahe des Killers. So schnell geht es weiter: Ein Duzend Bildwelten werden angeschnitten, losgelassen, wiederaufgegriffen, narrativ weitergesponnen, mit den anderen verzahnt. Der rote Faden bleibt der Killer und sein Opfer. Nein. Eigentlich ist der Protagonist der Hotelflur. Und wenn man sich die Lichtreflexe in der ersten Einstellung anschaut, wird klar, dass dieser Flur nicht nur belebt ist, sondern alle damit verbundenen längst in seinen Bann gezogen hat. Die surrealen Bilder sind zu ideenreich und perfekt choreographiert, um sie hier zu erzählen. Aber der Flur bringt uns auf eine andere Fährte.
Eine Idee?
Klar: Der ganze Clip ist ein surreales Zitat auf Shining, einem Thriller, der 1980 ziemlich für Wirbel gesorgt hat, weil Kubrick damit mal wieder neue Maßstäbe gesetzt hat: So sorgen Charakterdarsteller Jack Nicholson als Hauptperson und die spätere Kubrick-Frau Shelley Duvall sorgen mit dem Drehbuch von Stephen King für ein neues künstlerisches Niveau. Zusammen mit Kubricks Perfektionismus (einige Szenen werden über 100 Mal wiederholt) entstand ein Film, der bald zum Symbol eines Genres geworden ist. Aber zurück: Was hat das alles mit Jonathan Glazer zu tun?
Jonathan Glazer rekurriert auf diese Symbole, die Kubrick durch seinen Ehrgeiz geschaffen hat: Die Kamerafahrt mit der Steadycam durch den Hotelflur, die zwei Zwillinge, das Schreiben des einen Wortes auf der Schreibmaschine, die surreale Symbolwelt, die den Wahnsinn visualisiert und – natürlich – die Idee des Hotels, der Ursache des Ganzen, das in der Verbindung aus Fremdheit und Heimatversprechen die Macht über seine Bewohner gewinnt und sie in den Wahnsinn treibt.

Das Musikvideo für Massive Attack ist also eine Ehrung von Kubricks Shining. Die Referenz auf einen Klassiker der Filmkultur ist zwar in Musikvideos selten (und kaum je so adäquat umgesetzt), aber doch nur ein Beispiel dafür, wie hervorragend Glazer es versteht, diverse Aspekte gleichberechtigt umzusetzen, ohne andere zu vernachlässigen: Eine innovative narrative Struktur mit schnittechnischen Meisterstücken und der Fokus auf die Musik zum Beispiel. Oder die intellektuell-symbolhafte Sprache und gleichzeitig genug Plot, um jeden zu erreichen. Oder: starke, klare Einzelbilder und das Beibehalten jener künstlerischen Spannung, die auch eine Antwortlosigkeit einschließt. Kurz: Man kann es kaum besser machen, wenn man alle zufriedenstellen will.


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