Motomichi Nakamura :: der Ikonograph unter den Musikvideomachern

Motomichi Nakamura ist ein Genie. Seine Musikvideos gehören zu den hypnotischsten Stücken Videokunst. Seine Bildsprache ist so begrenzt – auf die Farben weiß, grau, schwarz und rot und die einfachsten geometrischen Formen – und so vielfältig in ihrer Originalität und vielschichtig in ihren Zusammenhängen, dass man seine Videos einfach kennen sollte. Keiner ist wie er. Und irgendwie ist das auch gut so, obwohl er herausragend gute Clips macht.

I believe that there are always two sides to everything like “light” and “shadow” and “good” and “evil”. When I create characters I try to reflect that idea to them.
(Interview: s. unten)

Knife- We Share Our Mothers Health
Eine Atari-inspirierte Welt in rot, grau und schwarz. Auch der Sound klingt nach 80er Computerderivaten. Die Grobheit der äußeren Ästhetik wird nur noch durch die Ikonographie übertroffen: Krasse abstrakte ikonographische Formen mit Motiven von Krieg und Menschsein, Operationsbesteck und schreienden Mündern, roboterhaft animiert, aber hypnotisch in ihrer Dynamik. Selten hat man ein so verstörendes Video mit so klarer Bildsprache gesehen. Schwarze Ovale auf grauem Grund werden zu Blumen und zu Raketen. Rote Tropfen wirken wie Blut und schwarz wirken sie wie Bomben. Kreise sind mal Köpfe, mal Bomben, mal Minen. Raketen werden zu stilisierten Vögeln, diese zu Bombenfliegern und die dann wieder zu Menschen, die anfangen zu singen, sobald sie von einem der roten Kreise getroffen werden. So werden Welten ineinander verwoben, deren inhaltliche Kohärenz peripher zu sein schien. So wird aus den unterschiedlichen Systemen doch wieder die eine Welt, die als Phrase des Friedens mit Drittweltländern in Erinnerung ist und hier doch meint: Die eine Welt, in der alles auf Krieg hinausläuft. Die in jedem ihrer Systeme Wege konzeptioniert hat zu Entfremdung und Gewalt. Bei der ein Apfel zur Bombe wird und die Spritze des Arztes zum Bombenflieger. Das klingt alles sehr grob und das ist es nicht: Hinter der auf den ersten Blick einseitigen Bildsprache entwickeln sich nach mehrmaligem Schauen neue Ebenen und Schlüssel zum Verstehen. Der eigentümliche Sog der Bilder tut sein übriges, um die kongenial zur ambivalent nervig-inspirierenden Musik variierten Symbole so miteinander zu vernetzen, dass echte Kunst entsteht. Kunst, die in ihrer Aussage ihre eigene, zu eindeutige Bildlichkeit transzendiert. Und wird, was sie war: Eine Geschichte von Ikonographien über Krieg und Menschsein.

Otto von Schirach – Laptops und Martinis
Nicht viel Neues zu sagen. Zu sehen schon: Abermals herausragend komponierte, symbolhafte Meisterwerke animierter Geometrie. Wieder das Spiel mit den Farben rot, schwarz und weiß und deren Bedeutung. Assoziationen an Gewalt, Verkehr, Blutstropfen, Maschinengewehre, Monster und die Verlorenheit des Einzelnen in der geometrischen Idee. Verstörend, verdreht, verquer. Wie ein Fiebertraum zwischen, ja, genau: Laptops und Martinis.

// Interview mit dem Ausnahmeregisseur Motomichi Nakamura


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