Paris – Dakar und zurück (Amadou & Mariam – Senegal Fast Food)

Eine Weltkarte huscht über den Bildschirm, dann am Strand im Senegal, Kinder auf Booten, ein dunkelhäutiger Mann taucht beide Hände ins blaue Salzwasser. An einer staubigen Straße geht eine Frau in buntem Umhang, dann ein Zug und eine Art Dorfplatz, ein junger Mann und eine junge Frau an einem Fast-Food-Laden mit dem Namen Manhattan, flanierend vorbei an einem Kino namens Le Paris. Traum vom fernen Amerika, Traum vom vermeintlich nahen Europa. « Demain je serai parti. [...] l’Algérie, Tunisie, Italie. Il n’y a pas de problèmes ». Sehnsucht nach einer anderen Zivilisation, medial gestillt vom Kino, welches benannt nach der Hauptstadt der ehemaligen Kolonialmacht. Die Welt, deren gesamte Karte am Anfang noch zu sehen war, geteilt in zwei Gegenwelten, das Hier und das Dort, und dazwischen eine beschwerliche Reise, jene jedoch kein Problem, bis dahin. Kein Problem auch für mich, mir dieses Musikvideo immer wieder anzuschauen, in die Unmittelbarkeit und Buntheit der senegalesischen Straßenszenen einzutauchen, und auch in meiner Brust die Sehnsucht, virtuell gestillt nicht durch das Kino « Le Paris », sondern durch Breitband und Youtube. Es ist Fernweh in beide Richtungen, wenn es in einer existentiell-ideellen Dimension vielleicht auch nicht das selbe Fernweh ist (« ascenseur pour le ghétto »). Dort liegt vielleicht der Schlüssel des Erfolges des Manu Chao, den dieser Song von Amadou & Mariam namens Senegal Fast Food featured. Chao, der mit seiner Sampletechnik und seiner Vielsprachigkeit so oft Gegenwelten zu verbinden versteht, als ob zwei Erdhälften wie platonische Halbkugeln nacheinander auf der Suche wären. Sätze wie « Il est minuit à Tokyo / Il est cinq heures au Mali / Quelle heure est-il au Paradis ? » beharren auf der Ironie der globalen Ungleichzeitigkeit. Doch in seinem Versuch, die Kluft mit seinen Füßen zu überwinden, lässt das Video (dem Song vorgreifend) den Protagonisten scheitern: In Paris angekommen wird er bei einer Routineuntersuchung verhaftet, und so wird Paris für ihn wohl auch in Zukunft eine Leinwand seiner Träume bleiben. Und die Reise, von unserer Seite ausgesehen? Endet nach 4 Minuten 18 Sekunden mit dem Ende des Musikvideos, ich sitze in Europa, die Uhr zeigt irgendeine Stunde, ein kurzes Hochgefühl von Lebendigkeit schwingt in mir nach. Ich frage mich, wer wen mehr verklärt: die erste die dritte, oder die dritte die erste Welt.


Leave a Reply