Romantic Death :: multiple Orgasmen

Treten wir der Kritik entgegen: Das Video hat nicht die beste Qualität, die Musik ist schlecht und unpassend und der Schnitt ist ein guter Versuch, aber lange keine große Kunst. Trotzdem wird das Video hier besprochen und das hat einen Grund.

Romantic Death arbeitet nämlich ungewöhnlich mutig mit einem Reizthema: Die Photographie des Orgasmus. Nein, nicht nackt und nicht Porno. Gesichtern beim Orgasmus. Die Idee ist durchaus salonfähig, seit die große Photographin Herlinde Koelbl in ihrem Buch Männer nicht nur klassische Männerakte, sondern eben auch Photoserien von Männergesichtern bei Orgasmen publizierte. Das Video Romantic Death geht jetzt noch zwei Schritte weiter. Der erste: Die Orgasmen sind gefilmt, aus standartisierter Entfernung und in standardisierter Lichtsetzung. Die Idee kommt von Beautiful Agony, das seinerseits Maßstäbe gesetzt hat in der sinnlich-machung internetbasierter Erotikangebote. Der zweite Schritt: Die Regisseure schneiden ein halbes Duzend dieser Orgasmusvideos zusammen und erzählen die Geschichte der Idee Orgasmus: Ständige Schnitte ähnlicher Fragmente ergänzen sich zusammen in ein Abstraktum hinein – fast wie bei Bernd und Hilla Becher, die den Charakter von Kohlegruben und Fabrikgebäuden erst durch die Vervielfachung greifbar machen konnten.

Was nach dieser zweifachen Erweiterung der Orgasmus-Fotos von Koelbl durch Bewegung und Zerstückelung herauskommt ist ein Stück zufällige Kunst, die zwar auf hölzerne Art aber immerhin etwas Neues zu sagen hat: Der Orgasmus ist, entkernt von der Nacktheit, ein Stückweit des Tabus enthoben und im Zerbrechen der Gesichtszüge wieder in das Tabu zurückverwiesen. Dieser Ambivalenz der Konzeptidee steht die Geschichte der Orgasmusvisualisierung gegenüber – der klassische Nackt-Akt – das Gesichtsfoto von Koelbl – der Gesichtsfilm und schließlich die vorliegende Gesichtsfilmcollage. Eine Geschichte, die durch ihr ständige Nachahmen, Weiterdenken, Rekurrieren und Collagieren eigentlich schon als Prozess Element der Pop-Art ist. Der Orgasmus wird also einerseits vervielfacht – als Konzeptidee durch diverse Medienideen geschleift und im Video selbst durch ein halbes Duzend Akteure inszeniert – auf der anderen Seite durch Verzicht auf die Nacktheit aber auch seltsam real, konzentriert und im Fokussieren auf das Gesicht fast zärtlich. Und diese Spannung zwischen mechanistischer Archetypisierung und romantischer Charakterstilisierung ist es, die dem Video eine künstlerische Aussagedimension gibt. Auf der Basis scheint es kein Zufall, dass die Macher dem Projekt einen Namen gegeben haben – Romantic Death – der zwei diesen beiden Aspekten der Archetypisierung und der Charakterstilisierung entsprechende Begriffe in ein Konstrukt synthetisiert, das in seiner Klischeehaftigkeit wieder selbstreflexiv gemeint sein könnte. Stichwort: Der letzte Grad der Komplexität liegt im Erkennen ihrer Banalität.

Man muss wohl annehmen, dass das den Machern selbst nicht aufgefallen ist.

// Romantic Death


Leave a Reply