viel Gewalt, viel Sex und die Illusion der Narration :: The Prodigy – Smack my bitch up (R: Jonas Akerlund)

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Gewalt, Sex, Drogen, Mißbrauch, ein vollgekotztes Waschbecken und eine durchzechte Nacht: Der Geniestreich des schwedischen Regisseurs Jonas Akerlund brachte ihm den Durchbruch und internationales Renomée. Denn das Video ist nur vordergründig mit den Themen beschäftigt, wegen denen es immer wieder hart kritisiert wurde.
In der Filmkunst hat es neben seiner exzellenten Kameraführung und innovativen Schnitten einen festen Platz dadurch bekommen, dass es sich am Ich-Begriff des narrativen Musikvideos selbst abarbeitet: Man sieht den gesamten Clip mit den Augen des Protagonisten. Die Musik ist unmittelbar an die Bilder gebunden – so wird der Clip lauter, wenn der Protagonist die Anlage aufdreht, wird schummriger, wenn der Protagonist betrunken aus dem Club stolpert, wird gedämpft, wenn der Protagonist sich die Haare trocknet. Kein Video hat die Identifikation weiter getrieben, als dieser Akerlund-Clip. Darin liegt der Schlüssel zur Interpretation des Videos: Der Plot beginnt harmlos. Ein Mensch bereitet sich auf einen Clubabend vor. Duscht, hört Musik, geht raus, trinkt etwas, geht in eine Bar. Identifikation scheint möglich, die Rolle ist gesetzt.
Dann sexuelle Übergriffe in der Bar, Schlägerei im Club, Rauswurf und Polizeieinsatz, eine Szene im Nachtclub. Das ist die erste Brechung der bedingungslosen Identifikation und der Beginn des Stereotyps: Jung, männlich, gewaltbereit. Die Pointe wird mit dem letzten Bild gesetzt: Ein Blick in den Spiegel, indem eine junge Frau sichtbar wird.
Durch diesen Plot und die konsequent subjektive Kameraführung wird die Identifikation provoziert, um direkt wieder ad absurdum geführt zu werden. Und dieses Spiel ist mehr als ein Aufmerksamkeitsanker: Es geht um das Wesen des Ich in der Geschichte, es geht um Narration an sich. Akerlund entlarvt das Bild des Ich als Projektion der Konsequenzen seiner Handlungen ins innen und schaft damit eine gewagte Metapher für gesellschaftliche Zuschreibungsprozesse: Die Sicherheit, mit der wir uns erst dem Ego verwandt fühlen, uns dann in dieser Verwandschaft durch die Gewalttaten trennen und zuletzt erkennen müssen, dass selbst die mit der Trennung verbundene Interpretation des Ego als Mann falsifiziert ist, löst ein Fundament der alltäglichen Stereotypisierung für einen Moment auf. Wo Stereotype so konsequent versagen, beginnt die Reflexion. Und es ist nur ein wenig Phantasie dabei, wenn man den rekursiven Weg antizipiert: Dass derart schnell gefasste Stereotype erst die Ursache für das Handeln sind, an dem sie sich später bestätigt sehen.


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