Autos, Alkohol und Jesus :: UNKLE – Rabbit in your Headlights (R: Jonathan Glazer)

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Eins der ganz großen Musikvideos, prämiert in zahlreichen Ausstellungen, oft zitiert und einer der Gründe, warum Jonathan Glazer jetzt als einer der großen Musikvideoregisseure gehandelt wird.

Der Plot: Ein scheinbar verwirrter Mann geht durch einen Tunnel voller Autos, der Kamera hinterher. Autos hupen, er wird angefahren, diskutiert mit Fahrzeuginsassen. Mehr nicht.

Was das Video zu einem beeindruckenden Stück Kunst macht, steht zwischen den Zeilen: Die Konsequenz, mit der Glazer die Realität der Szenerie einfängt – kein Zeit- oder Ortswechsel, kein Beleuchtungswechsel, aber vor allem: Das Hupen, die Monologe und Diskussionen mit den Fahrgästen, die Glazer in die Musik gemischt hat. Er selbst sagt dazu in einem Interview, von dem Ausschnitte hier zu lesen sind:

Bilder allein reichten nicht um die ganze Reise zu vermitteln, die der Mann unternimmt. Man muss fühlen oder hören wie sein Gehirn arbeitet. Das war etwas ungewöhnlich, denn viele Künstler würden nicht dulden, dass man sich an der Musik zu schaffen macht. Mir gefällt die Vorstellung, mich in die Musik einzumischen.

Tatsächlich war der Eingriff des Musikvideoregisseurs in die Musik des Künstlers ein

Novum in der Geschichte des Musikvideos. (Prodigy hat das mit seinem umstrittenen Video zu Smack my bitch up auch umgesetzt.) Aber was steckt dahinter?
Das Video von UNKLE entwickelt eine große Sogkraft durch die Krassheit und Klarheit der Bilder – und eben durch diese völlig ungewohnten Stilmittel, die dem Geschehen einen ganz neuen Grad von Ehrlichkeit geben. Und dann, ganz am Ende dieses durch und durch naturalistisch gehaltenen Videos, der Bruch: Der Mann, etliche Male angefahren, bleibt stehen. Zieht sein Hemd aus. Öffnet die Arme wie Jesus. Ein Auto rast von hinten auf ihn zu. Der Mann lacht. Und in einer riesigen Feuerwolke explodiert das Auto an seinem Rücken.
Metaphorisch vielschichtig ist dieses Video. Die Jesus-Symbolik liegt nah, aber es könnte genauso die letzte Vision des Sterbenden Obdachlosen festgehalten sein oder der Tagtraum, den dieser von seinem Weg durch den Tunnel hat. In jedem Fall visualisiert Glazer die Grenze zwischen Gedachtem und Erkanntem auf eine außerordentlich innovative Weise – auch hier gibt es eine Parallele zum erwähnten Prodigy-Video. Seine Innovation steckt in dem Rückbezug des Videos auf die absolut naturalistische Narration und dem Bruch, mit dem Glazer zehn Sekunden vor Ende des Clips alles wieder in ein Reich der Assoziationen zurückinterpretiert. Ein großartiges Video. Unbedingt anschauen.


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