wegweisende HipHop Musikvideos :: Auseinandersetzungen mit Beats, Bargeld und Brüsten

Das Hip-Hop-Video hat seit Jahren eine sehr spezifische Bildsprache etabliert, die wir hier mal an besonders gelungenen und besonders rebellischen Musikvideos in den Fokus rücken möchten.

Fangen wir an bei der Ästhetik (und damit meine ich jetzt nicht Brüste und Status): Schon bei Justin Timberlakes Mainstream-Video “My Love” wird klar, wie gut die Choreographien des Hip-Hop-Tanzes aussehen können. Und wenn man sich danach “Work it Remix” von Missy Elliott anschaut sieht man, was man mit Kreativität daraus machen kann. Missy Elliott gilt als Referenz der Hop-Hop-Szene, was die Musikvideos angeht: Nie ganz daneben und oft Maßstäbe setzend in Bildidee, Konzeption und Choreographie. Das klingt wie Björk? Nicht ganz verkehrt. Denn obwohl das Hip-Hop-Genre künstlerisch beengt ist, geht Missy Elliott an die Grenzen. Beispiele? “Get Ur Freak On”, “Supa Dupa Fly” oder “lose control”. – Alles Ausnahmevideos mit Missy in Hochform.

Aber kommen wir zu dem, was Hip-Hop-Videos immer auch waren: Sex und Status. Der Musikredakteur von Viva hat mir mal gesagt:

“Hip-Hop-Videos erkennt man im Moment daran, dass irgendwann ein Helikopter auftaucht.”

Das war zu Hochzeiten der Goldketten und Rolexuhren, schwarzen Limusinen und quasi-nackten Hübschchen in den Musikvideos der großen Rapper. Der Hedonismus der Neunziger fand im street-credibility-credo der Hip-Hopper eine neue Spitze: Als die Musik irgendwann mal aus den Armenvierteln emporgewachsen war (und diverse ex-Außenseiter ihren Aufstieg gegenüber den Daheimgebliebenen am glaubwürdigsten mit teuren Uhren, großen Autos und schönen Frauen inszenieren konnten) galt das völlig maßlose Statusdenken als Beweis der Kraft des Willens der Straße und irgendwie schien eine Zeit lang nur der Hip-Hopper, der den Wert eines Kleinwagens als Schmuck am Körper trug, überhaupt mit Fug und Recht behaupten zu dürfen, er käme aus einem Ghetto (was wiederum seine Plattenverkäufe anzuheben in der Lage war). Das Verhältnis des Rappers zum Besitz war in dieser Zeit ambivalent.

Die Standardfilmchen mit Hubschraubern und teuren Wagen möchte ich vorenthalten. Zumindest direkt zu einem Künstler kommen, der mit diesen Symbolen spielt wie kein zweiter: 50 Cent im Video “P.I.M.P.”. (Videosuche rechts oben) Die Geschichte des Mannes liest sich wie die Musterbiographie eines Hip-Hoppers und wimmelt von Gewalttaten, ärmlichen Verhältnissen, Verwicklungen ins Drogenmilieu und Härten des Lebens. Eminem und Dr. Dre, zwei Urgesteine der Szene, haben dem Jungen endlich zu eigenen CDs verholfen, von denen eine – wie passend – “Get rich or die tryin´” heißt. Das ganze wäre nicht erwähnenswert, würde 50 cent in seinem Video zu P.I.M.P. nicht das ganze Hip-Hop-Selbstverständnis, dem er selbst so nahe steht, lachenden Gesichts an die Wand persiflieren (und das mit Komplizenschaft von den zwei ganz Großen – Snopp Dogg und G-Unit): Eine riesige Villa, alles in weiß, ein Ölbild des schwarzen Rappers im Stil weißer Kolonialherren über dem Kamin, ein duzend Frauen in weißer Unterwäsche und der herrische Gang von 50 Cent durch das Anwesen, das wirklich nichts anderes aussagt, als den Kontostand des Besitzers. Die Absurdität erreicht einen Höhepunkt im Kongress der “Pimp Legion of doom”: Ein Raum mit den größten Rappern der Zeit, die mafiamäßig um 50 Cent herumsitzen, um zu erfahren, ob dieser wirklich ein “Pimp” ist.

“He doesn´t drive a cadillac. (Ablehnung) He doesn´t got a perm. (Kopfschütteln). Why should we put him in the Pimp Legion of Doom?”

“But I got the magic stick.”

Soweit ich weiß hat sich keiner der großen Rapper derart selbstironisch mit der Rolle des modernen Hip-Hop-Videos auseinandergesetzt.

Weird Al Yankovic’s hat in seinem White&Nerdy Clip diesen HipHop-Hedonismus in eine nette Bildsatire gepackt und – damit sind wir entgültig beim Bruch der goldenen Hip-Hop-Regeln – der Hamburger Rapper Jan Delay zelebriert die Distanz vom Busen-und-Status-Hip-Hop in etlichen seiner schrägen Texte: In “klar” lässt er sich von Frauen in Showglamour-Klamotten souflieren und trägt einen Smoking, während er mit einem Bagger das Haus einreisst, in dem er singt. Und in “Ich möchte nicht, dass ihr meine Lieder singt” liefert er eine Abrechnung mit der Hip-Hop-Hörerschaft, die noch etwas weiter geht. Aufgenommen auf dem Kölner Karnevalszug (Jan Delay ist als Palästinenser verkleidet und spielt Flöte auf einem Maschinengewehr mitten im Gedränge). Daraus:

Ich möchte mich nicht in Köpfen befinden zusammen Gedanken,
die unter Einfluss vom Axel-Springer-Verlag entstanden.
In den ganzen verstrahlten Hirnen wär ich gern abhanden,
denn vor allem, können die Babylonier nicht klatschen und tanzen.

Dem ist in Anbetracht von bekannten wie bekloppten Videos á la “put ´em on a glass” von Sir Mix a Lot wohl nichts hinzuzufügen. Und wirklich kreative Versuche wie der von Michel Gondry für Kanye West (“Heard ´em say”) werden vermutlich nie Mainstream werden..


eine Antwort to “wegweisende HipHop Musikvideos :: Auseinandersetzungen mit Beats, Bargeld und Brüsten”

  1. bittekunst.de » Blog Archive » Musikvideokunst mit Instrumenten :: die digitale Geburt des Bekannten Says:

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